Scharfes Drama und überregional konkurrenzfähig

Leicht gekürzt in Leipziger Volkszeitung, 24.01.2017, S. 10

Fotos: Theater Nordhausen

Anlässlich des Berichts über die Vertragsverlängerung von MICHAEL HELMRATH wurde dieser Text zitiert in Kyffhäuser Nachrichten, 21. April 2017

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Hauptmann Narraboth ersticht sich im Theater Nordhausen nicht, er schlitzt sich die Pulsader auf. Im langsamen Verbluten sieht der schöne Syrer noch, wie Prinzessin Salome von Judäa dem Propheten Jochanaan ihr tiefstes Begehren schenkt, für das beide sterben. Angelos Samartzis spielt das als schon im ersten Takt hochgetourten Erotikrausch, der nur mit Erfüllung oder Tod enden kann. Hinter gekachelter Zisterne und ruinösem Mauerwerk setzt Wolfgang Kurima Rauschning dahinter einen tiefroten Mond, der so gefährlich nahe an der Erde ist wie der Todesplanet in „Melancholia“.

Richard Strauss‘ Skandal-Musikdrama von 1905 nach Oscar Wilde zeigt eine abgefuckte Gesellschaft in Politik-, Zeit-, und Religionswirren. Fast alle Figuren taumeln, lechzen, stöhnen ihren Begierden hinterher: Herodes mit Angstvisionen, Herodias mit Hass auf die klare Moral des Jochanaan. Und beide instrumentalisieren die hier schon sehr erwachsene Tochter Salome. Regisseurin Anette Leistenschneider signalisiert als das Wichtigste dieser schillernden Nervenmusik, dass sich Salome, wenn sie am Ende das abgeschlagene Haupt des Täufers küsst, ihre Vision von Liebe holt. Anette Leistenschneider konzentriert sich ganz auf Wesentliches, das sind – außer in der Judenszene mit hier fünf Rabbis – vor allem Luststeigerung und Lustverlust. Anja Schulz-Heinrich steckt die Figuren dafür in Kostüme, die zwischen allen Stilen wirbeln: Edel-Punk, Sandalenfilm, Altphilologen-Fasching, Technoclub und „Cats“-Musical – alles dabei mit irrlichternden Kicks.

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In Nordhausen klingt „Salome“ durch räumliche Nähe zum Publikum und kleinere Orchesterbesetzung ganz anders als an großen Häusern. Sicher, vieles von dem lasziven Geklingel und Getröte aus der Ü100-Musiker-Partitur geht dort gar nicht. Doch das faszinierend raue Streicherbrodeln holt Michael Helmrath am Pult umso besser heraus. Genussvoll treibt er das herrlich süffig, gar betörend und dann wieder lasziv derb zupackende Loh-Orchester Sondershausen in sportiv makellose Lautstärken, denen die Sänger hier immer gewachsen sind. Eine Klasse für sich die „Exotik-Kombo“ beim Tanz der sieben Schleier, mit dem Ivan Alboresi choreographisch die quälenden Lustdesaster geschickt überflügelt: Salome geriert sich für den devoten Herodes im Goldmantel wie die Protagonistin eines jener Filmchen, die man in frühen Jahren des Privatfernsehens jede Nacht zur Geisterstunde sehen konnte. Das ist wie eine kalte Dusche, wie ein Befreiungsschlag Salomes gegen die Kelch um Kelch bis nur Neige leerenden Herodias.

Mutter und Tochter sind hier wie Schwestern aus den Tälern von Russ Meyers Superhexen, bekanntlich für Männer hundertprozentig tödlich. Es ist eine Kunst, wie Anja Daniela Wagner ihre stimmlichen Mittel für Herodias‘ keifendes Dauerforte verleugnet. Die rollenerfahrene Dänin Majken Bjerno macht beileibe nicht auf Jungfrau Salome, wenn sie über Narraboth und über Herodes steht, beiden Willenlosen Blicke ins Nirwana ihrer Schönheit gewährend. Mit gerader Linie zieht Majken Bjerno die Soli durch, diese Frau nimmt ihren Weg: Immer konditioniert und direkt, wofür sie gegen Ende des Viertelstunden-Schlussgesangs einige ungerade Töne riskiert. Sie ist eine wahre Einpeitscherin ihrer Sängerkollegen, Yoontaek Rhim, der einzige Kerl im Zirkus der Lustmemmen, als Jochannan ein ebenso starker Partner wie Herodes: Karsten Münster gibt eine beeindruckende Fallstudie auf baritonalem Fundament. Anette Leistenschneider zeigt mit ihrem Nordhäuser Prachtensemble auch noch eine Studie über Männeridentitäten – wer hätte das gedacht… Sogar die Soldaten, Thomas Kohl und Jens Bauer mit 100minütigem Stehvermögen, und Manos Kia, der zu seinem makellosen Nazarener-Solo ein Stern-von-Bethlehem-Tattoo am wohlgeformten Oberarm zur Schau stellt, sind Teil des Krisenlabors. Hier kann der Page im Spielgetümmel nur untergehen – leider, denn Sabine Noack spielt alles aus, was der Part als Lustobjekt und Liebesopfer hergibt. Langer Applaus mit vielen Bravi, viel Liebe vom Publikum und – Chapeau – volle überregionale Konkurrenzfähigkeit!

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Wieder auf dem Spielplan:  1. (15:00), 3. (19:30) und 12. Februar (14:30) – Theater Nordhausen; www.theater-nordhausen.de, Karten und Infos unter Tel: 03631-983452

 

 

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