Familienausflug zum Reformator

Bachfest überholt Wartburg

Mit „Bach unterwegs“ nach Lutherstadt Eisleben

 

Reportage in der Leipziger Volkszeitung, 16. Juni 2017 – S. 12

Text und Fotos: Roland H. Dippel

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Die Reihe „Bach unterwegs“ hat Sympathiebonus bei Stammgästen. Insgesamt sechs Fahrten gibt es beim Bachfest 2017, zum Beispiel zu Flecken wie Großpötzschau und historischen Paradezielen wie Burg Mildenstein. Beim Reformationsjubiläum fällt die Auswahl nicht schwer: Lutherstadt Eisleben in Sachsen-Anhalt. Auch deshalb nicht, weil der Autor dieser Zeilen nach einer Winterreise dorthin unbedingt das Leuchten des temporären Megapoints erleben will.

Zwei Fünfzigerbusse stehen vor der Thomaskirche. Die wissenschaftliche Begleiterin ist Yvonne Rohling, Master-Studierende an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig. Erst vor wenigen Tagen gehörte sie zum Team des Jubiläumssymposiums Niels-Wilhelm Gade und übernimmt auf der neunzigminütigen Fahrt die Einführung zum Orgelkonzert, dem Herz- und Höhepunkt der Exkursion. Es ist ihr zweites Jahr in der „Familie der Bachfest-Helfer“. Dabei sind noch die beiden Profi-Dolmetscher Anne Ursinus (viertes Jahr) und der aus Luxemburg stammende Daniel Bintener (sechstes Jahr). Seine Leidenschaft hat Fundament: Er spielt selbst Orgel, beherrscht also Tabulatur und Terminologie. Die Drei sind Reiseleiter und Gästedompteure der herzlichen Art. Auf einem grünen Zettel steht alles Wichtige: Fahrt, Führungen, Museum, Konzert. Es gibt Lunchpakete wie zum Wandertag, im Reisepreis von 72 Euro inbegriffen. Diese Geste hat Gruppencharme.

Yvonne referiert, Anne übersetzt in Englische: Beim Zwenkauer See geht es um Bach, passgenau überholt der erste Bus einen grauen Wartburg. Das zeigt Sportsgeist, sogar den symbolischen Wettbewerb der Bachstädte Eisenach und Leipzig. Bei der touristischen Unterrichtungstafel „Heinrich-Schütz-Haus Weißenfels“ wogt leises Raunen durch den Bus, bei „Goethe-Theater Bad Lauchstädt“ nicht. An den Chemiewerken Leuna ist Yvonne schon bei Robert Schumann und Mendelssohn, bis Teutschenthal prescht sie vor zum Filmkomponisten Enjott Schneider.

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Sieben Busse quetschen sich auf dem Gästeparkplatz Eisleben. Baumaschinen und kolossalisch humorige Budenfiguren bremsen den Massenstrom Richtung Luthers Geburtshaus. Lutherstadt Eisleben mit 24000 Einwohnern feiert „Luther 2017“.

Projektpfarrerin Simone Carstens-Kant grüßt herzlich in der St-Petri-Pauli-Kirche, deren Innenausstattung bisher um den berühmten Luther-Taufstein alle fünfzig Jahre erneuert wurde. Der Raum wirkt mit den neuen Fenstern von Günter Grohs noch heller, man spürt keine Altlast durch 500 Jahre Reformationsgeschichte. In der Mitte befindet sich der neue runde Taufbrunnen. Von ihm verspricht sich die Kirche großen Zustrom und fortschrittliches Profil. Für Zöglinge oder als Konvertit hat man hier die Wahl: Taufbrunnen oder Taufbecken, beides zusammen geht nicht. Kantor Thomas Ennenbach lädt ein zum Mitsingen eines Luther-Chorals am Originalschauplatz. Es ist, wie anders, das hymnische „Ein feste Burg ist unser Gott“ (EKG 362). Die berühmte Rühlmann-Orgel befindet sich allerdings in der St. Andreaskirche auf der anderen Altstadt-Seite. Dort trifft man sich nach zwei Stunden Mittagspause zum Konzert. Mit dem gleichen Satz aus Mendelssohns d-Moll-Sonate demonstriert Thomas Ennenbach das unterschiedliche Klangpotenzial beider Instrumente.

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Simone Carstens-Kant, die jeden Tag zwischen Halle und Eisleben pendelt, kann sich über Zulauf freuen, auch den vieler Katholiken. Insgesamt 42.000 Besucher waren es im Jahr 2016, im Jubiläumsjahr bis jetzt schon 30.000. Zwei Drittel kommen aus religiösem Interesse, einige für Geschichte und Politik, das andere Drittel für Kunst und Kultur. Doch der von „Luther 2017“ erwartete Cashflow strömt bei weitem nicht so reichlich wie gehofft. Reisegruppen stoppen meist nur auf Durchreise Richtung Wittenberg, Erfurt oder Magdeburg. Als Teil des UNESCO-Weltkulturerbes sind die Lutherorte ein Muss. Aber gegessen, geshoppt oder übernachtet wird in Eisleben wenig. Gründe dafür nennt die Pfarrerin nicht.

„Ha’bn Sie‘s nicht passend!“ ruft die Servicedame an der Kasse von Luthers Geburtshaus. Deshalb verzichtet ein Mann auf den Besuch, seine Begleiterin geht allein in die Sammlung. Unsere beiden Führerinnen zeigen sich profund und offenherzig. Neunzig Reisende folgen der englischen, nur fünf der deutschen Tour – dieses Verhältnis hat Aussagekraft für das international aufgestellte Bachfest. Wie schon im Januar liegen auch jetzt keine deutschen Flyer zu den Luther-Museen aus. Angeblich gab es einige, man könne ja selbst in der Tourist-Information nachfragen: „Die in Wittenberg liefern nicht.“. Gemeint ist die Stiftung der Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt.

In den historistischen Räumen von Luthers Sterbehaus manifestiert sich der frühere bürgerliche Gemeinschaftsgeist. An der beeindruckenden Sammlung zum Todesbewusstsein dort besteht geringeres Interesse als am Geburtshaus mit der von Friedrich Karl Schinkel begutachteten Armenschule. Die neben dem Markt verlaufende Lutherstraße: Menschenleer. Dort hat das Antiquariat „Heimatbuch“ nur alle zwei Wochen einen Tag geöffnet, heute ist die rituelle Kaffeerunde einer kleinen Gruppe von Regionalhistorikern, Bergleuten und Kulturenthusiasten. Lutz Hiller, der seine Regale mit der weltgrößten Buchstützen-Sammlung und Beständen aus der eigenen Bibliothek füllt, diagnostiziert: „In diese Straße kommen Rucksacktouristen, aber keine Reformationsreisenden. Manchmal aber Wissenschaftler, weil Richard Wagner als Kind hier kurz gelebt hat. Sein Stiefvater Ludwig Geyer stammt aus Eisleben.“. Ein junger asiatischer Besucher weiß das offenbar: Intonationsrein singt er in Luthers Geburtshaus den Walkürenritt vor sich hin.

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Nach dem Orgelkonzert warten die Busse direkt vor der St.-Andreaskirche, schon ist man wieder auf der Bundesstraße zur Autobahn. Vorbei an riesigen Steinhalden und grüner Sommerfauna: Das Mansfelder Land stand früher für Bergbau und Obst. Einige Gäste schlafen, schauen hinaus, denken gewiss nicht an die nahe Arche Nebra oder die Kaiserpfalz Memleben. Die Reise zu Luther selbst ist für viele, vor allem ausländische Besucher, ein großes Erlebnis und Geschenk. Das merkt und erspürt man. Fach-Dolmetscher Daniel Bintener kommt ins Schwärmen über bekannte und verborgene „Orgelpunkte“. Damit meint er hier Ausflugsziele. Sogar solche, die dieses Jahr entfallen müssen wie Störmthal, weil der Ort eine einzige Baustelle ist: „Die Bäckerei in Güldengossa ist ein Geheimtipp.“ sagt er und verschweigt, dass sie dort die einzige ist. Aus Liebe zu den Orgeln im Leipziger Land, auch deshalb gibt es 2018 wieder bekannte Gesichter in der Familie „Bach unterwegs“.

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