Leicht gekürzt in der Leipziger Volkszeitung, 14. März 2017, S. 10

Fotos: Vincent Stefan, DNT Weimar

Und trotzdem stirbt die Hoffnung nicht…

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Man kann es der Oper Leipzig nur wünschen, dass die „Lulu“-Produktion in der nächsten Spielzeit unter weniger spannungsreichen Vorzeichen herauskommt als die Erstaufführung am Deutschen Nationaltheater Weimar. Nach dem frühen Tod von Kapellmeister Martin Hoff, für das DNT ein schwerer Schlag, trat Patrick Lange aus gesundheitlichen Gründen zurück, ebenso Heike Porstein. Mit ihr hätte man nach der phänomenalen „Amalia“ in Verdis „Räubern“ eine erstklassige Sängerdarstellerin aus den eigenen Reihen gehabt. Trotz dieser Unglückskette folgt in Weimar ein packender Sieg.

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Denn alle Beteiligten schwören sich darauf ein, Alban Bergs von 1928 bis 1935 entstandenes Spitzenwerk nach Frank Wedekind, diesen Kelch eines katastrophalen Geschlechterkampfes, bei zur Neige zu leeren. Elisabeth Stöpplers Regie bricht aber mit der von Alban Berg vorgesehenen Spiegelung der Männer, die Lulus Glanz und Elend bedingen. Dabei spielt man die vollständige Fassung von Friedrich Cerha, die diese symmetrischen Konstruktionen erst richtig fassbar machen könnte. So wird Jörn Eichler nach dem blutigen Selbstmord als Maler Schwarz zum erpresserischen Marquis, aber nicht zum „Neger“. Zum Amokläufer gesteigert ist der sich schließlich ebenfalls killende junge Gymnasiast. Ihn macht die schon fast meisterhafte Anna Hervey aus dem Thüringer Opernstudio zum Stern in der so erbärmlichen Menagerie von Lüstlingen um Lulu. Im Hermann Feuchters steril-kühlem Raumkomplex sind die vom Prologus als Menschendoubles gezeigten Tiere tatsächlich sichtbar, alles große Plüschmasken! Nur Lulu, sonst die Schlange, ist schon zu Beginn ganz sie selbst. Und der Rest: Kunstfaser außen, kleinliche Unbewusstheit innen.

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Die beiden Retter, Protagonistin und Dirigent, bringen als weltweit gefragte „Lulu“-Experten sogar etwas wie befreiende Unbefangenheit in diesen rasanten Absturz. Am Ende kommt nicht Jack the Ripper, sondern es ist der von Lulu so innig geliebte Doktor Schön, der sie nicht abschlachtet, sondern mit maschineller Routine nimmt. Auf dem Schreibtisch. Da ist Lulu wirklich nackt und der oft nur behauptete Gewaltmensch wirklich einer, weil Bjørn Waag den Mut hat zu Rohheit, zu Kälte und sogar zur dumpfen Stumpfheit. Das Ende also als spät ergänzende Vorgeschichte, Konfliktdynamit und potenzielle Endlosschleife:

Marisol Montalvo zerfließt mit ganz viel seelischer und körperlicher Liebesbedürftigkeit, die sie immer mehr verlieren muss, bis am Ende nur kreatürlicher Selbsterhaltungstrieb bleibt. Dazu gehört genauso ihr böses Spiel an der mit Sayaka Shigeshima so melancholisch und weich besetzten Gräfin Geschwitz. Marisol Montalvo weiß genau, was sie tun muss. Ihre nicht große Stimme hat den perfekten Fokus und bleibt dabei im lautesten Orchester-Fortissimo hörbar. Sie ist in Ebbe und Flut von Bergs Partitur immer Wellenbrecher. Genau damit dringt sie von satirischer Überspitzung zur menschlich packenden Tragödie durch. Lulus Sehnsucht nach Nähe und ihre Angst vor Beschmutzung sind in dieser Aufführung plastisch wie selten. Leider bleibt Elisabeth Stöpplers Regie hinter ihrem eigenen Können zurück, wenn alle Artjorn Korotkow  als mitleiderregender Alwa, Damon Nestor Ploumis als athletischer Vollproll und Christoph Stegemann als Schigolch, hier mit ganz starkem Geruch nach Gosse – unbeholfen an einer Kamera herumhantieren. Diese Sucht zum „Videospiel“, warum…

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Am Pult steht Stefan Lano, den „Lulu“ nach Assistenzen bei Friedrich Cerha seit über dreißig Jahren an alle großen Opernhäuser geleitet. Er hat alle Ressourcen für das abgefuckte Spiel und befreit die Staatskapelle Weimar von allen Versagensängsten angesichts des höllisch schweren Werks. Und dann entdeckt er in Alban Berg auch noch den Romantiker. Ganz egal, ob man sonst mehr Reibungsflächen zu Kurt Weill, Gustav Mahler oder Richard Wagner aus der Partitur lesen will: Stefan Lano und Marisol Montalvo an der Spitze reißen mit dem ganzen Ensemble ein grausiges Panorama von Entfremdung und menschlicher Verwüstung auf, das seinesgleichen sucht. Ganz große Oper mit peinigenden Nadelspitzen unter die Haut und trotzdem stirbt die Hoffnung nicht – Bravo!

Wieder am 19.03., 06.04., 21.04., 12.05. (19:30) – www.nationaltheater-weimar.de – Tel. 03643-755334

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