„Reichlich schöne Aufgaben“

Mit Luca Pisaroni im Gespräch vor „Klassik airleben“ in Leipzig

gekürzt veröffentlicht in Leipziger Volkszeitung – 21. Juni 2017, S. 12

von Roland H Dippel – Fotos: Catherine Pisaroni

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Luca Pisaroni ist schon total weit auf dem geradlinigen Weg in die Spitzencharts der Opernszene. Seit Jahren sind er und Thomas Hampson kollegiale Freunde. „No Tenors needed“ ist Programm: Heute sagt man Baritonen mindestens genauso viel vokales wie viriles Attraktivitätspotenzial nach wie ihren Kollegen vom Hohen C. Was es damit auf sich hat, kann man bei „Klassik airleben“ im Rosental am 23. und 24. Juni mit dem Gewandhausorchester unter Alexander Shelley überprüfen. Die unterschiedlichen Programme sind wie gemacht für romantische Sommernächte: Es geht bei Mozart, Rossini und Belcanto um Liebe, Begeisterung und manchmal auch Eifersucht. Leider, aber da sind Thomas Hampson und Luca Pisaroni ganz realistisch. Mit dem italienischen Bassbariton traf sich Roland H. Dippel. 

 

War der Abschluss des Bachfestes Ihr erster Auftritt in Leipzig?

Nein, mit der h-moll-Messe war ich bereits einmal im Gewandhaus , da dirigierte Trevor Pinnock. Auch damals begeisterte mich die Überfülle musikalischer Traditionen und des Angebotes. Das ist genauso intensiv und unüberschaubar wie in meiner Wahlheimat Wien.

Sie sind jetzt über eine Woche mit einem Ihnen bekannten Konzertprogramm hier. Was machen Sie in Ihrer Freizeit?

Ob Sie es glauben oder nicht: Neben den Proben lerne ich vor allem. In den nächsten Monaten kommen zwei große Rollendebüts auf mich zu. Deshalb kann ich mir nicht viel Freizeit erlauben. Aber zum Glück ist meine Frau fast immer dabei.

Wenn man Schuberts „Schwanengesang“ von Ihnen hört, fällt Ihre sehr gute deutsche Diktion auf. Kommt da noch mehr im deutschen Fach?

Momentan nicht. Deutsch ist sehr, sehr schwer und ganz perfekt bin ich in keiner Fremdsprache. Deutsch singe ich fast nur in Konzerten. Mit Französisch bin ich auf der Bühne immer häufiger gefordert, in nächster Zeit mit Rollen wie Méphisto in Gounods „Faust“. Eine andere Riesenherausforderung wird Golaud in Debussys „Pelléas et Mélisande“. Diese Partie ist ganz an der Sprache orientiert. Es gibt kaum musikalische Orientierungspunkte, man gerät immer in die Gefahr, über dem Orchester zu schwimmen. Aber gerade deshalb ist das eine spannende Rolle.

Sie nennen sich einen Bassbariton, wie weit geht es bei Ihnen in die Bariton-Höhe oder in die Basstiefe?

Das ist bei mir und jedem Kollegen in dieser Stimmlage anders. Es liegt zum Beispiel daran, wie herausgestellt die höchsten Töne sind. Zum Beispiel bei Posa in „Don Carlo“ in der Kerkerarie: Da kommt ein hohes F. Diesen Ton habe ich in einer geschlossenen musikalischen Periode, aber als isolierter Ton ist das eher etwas für Thomas, der diese Rolle immer wieder ergreifend gesungen hat. Wir könnten bei „Klassik airleben“ dafür das große Duett zwischen Posa und Philipp, der eine richtige Basspartie ist, machen. Die Tiefe hätte ich, aber für den Anlass wäre das viel zu ausladend.

Wie lange kennen Sie und Thomas Hampson sich schon?

Schon sehr lange. Zum ersten Mal sind wir 2002 in „Don Giovanni“ bei den Salzburger Festspielen zusammen aufgetreten – Thomas in der Titelrolle, ich als ganz junger Sänger in der kleineren Rolle des Masetto. Dann wurden wir immer wieder zusammen gebucht, auch in der neuen CD-Einspielung von „Die Hochzeit des Figaro“ unter Yannick Nezet-Seguin. Richtig spannend wird es für uns 2019: Die beiden Hauptrollen in „The Phoenix“, der neuen Oper von Tarik O’Regan für die Oper Houston, sind ganz auf uns zugeschnitten. Der Titel meint das Opernhaus von Venedig, La Fenice. Das ist ein total spannendes Projekt über den Textdichter Mozarts, auf das ich mich sehr freue. Thomas singt den älteren Lorenzo da Ponte, der nach Amerika geht. Ich bin neben ihm Lorenzo da Ponte in jüngeren Jahren, bei seinen Abenteuern in Italien und Österreich.

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Sie singen auch, sehr passend für einen Italiener, viel Rossini, sind zum Beispiel angekündigt in „La pietra del paragone“ (Die Liebesprobe) beim Rossini Opera Festival in Pesaro…

Das wurde kurzfristig geändert. Die Produktion hat zwar im August Premiere, aber ich singe dort jetzt zur gleichen Zeit doch lieber Mahomet in „Le siège de Corinthe“. Diese Oper fasziniert mich besonders, weil ich schon in der ersten Fassung „Maometto Secondo“ in Santa Fé aufgetreten bin. In der französischen Bearbeitung sind es weniger Koloraturen und dafür viel mehr deklamatorische Feinarbeit. Um bei Rossini zu bleiben, da kommt im Herbst noch etwas genauso Tolles auf mich in Wien zu. Dort singe ich zum ersten Mal den Mustafa in „Die Italienerin in Algier“. Man spielt noch immer die Inszenierung von Jean-Pierre Ponnelle (+ 1988), die um die ganze Welt ging: Nach München, an die Scala und so weiter. Ich hatte schon als Kind bei einem meiner ersten Opernbesuche einen Riesenspaß daran und jetzt darf ich selbst darin auftreten. Alles ganz traditionell und sehr, sehr komisch.

Mögen Sie keine sogenannten modernen Inszenierungen?

Es kommt darauf an, als Schocker sicher nicht. Persönlich bin ich noch nie einem Provokateur – wir Italiener sagen „Diavolo di regista“ – begegnet. Aber ich finde es grauenhaft, eine Rolle über hundert Mal gleich oder ähnlich zu singen. Den „Figaro“ in Amsterdam zum Beispiel hätte ich gewiss nicht als Provokation bezeichnet wie einige Kritiker, obwohl da die erotischen Turbulenzen im Park ständig durch Überwachungskameras kontrolliert wurden. Die Regisseure Jossi Wieler und Sergio Morabito haben an jeder Stelle begründen, warum das bei ihnen so sein musste, und mich so überzeugt.

Was singen Sie mit Thomas Hampson bei „Klassik airleben“?                               

Viel Mozart und Rossini, es gibt übrigens zwei unterschiedliche Programme. Ausschnitte aus „Barbier von Sevilla“, „Don Giovanni“ und „Figaro“. Am zweiten Abend freue ich mich besonders auf das Duett aus Bellinis „Die Puritaner“, die hier nicht so bekannt sind. Und es gibt einen Abstecher zur Wiener Operette, was wir auf der Bühne nie singen würden.

Könnte Sie nicht einmal ein Ausflug zum Musical reizen?

Ein Wunsch ist da „South Pacific“. Die Hauptrolle hat Richard Rodgers für Ezio Pinza komponiert und mein Kollege Ferruccio Furlanetto, ein richtiger Bass, hat das an der Wiener Volksoper gesungen. Aber momentan habe ich ja reichlich andere schöne und spannende Aufgaben.

Rossini und Bach – beide Komponisten haben sehr verzierte Parts für Sänger geschrieben? Besteht da ein stilistischer Unterschied?

Herbert Blomstedt machte das genau wie notiert. Im Bass-Part gibt es in der h-Moll-Messe ja nur ganz wenige Stellen, die sich variantenreich gestalten lassen. Aber bei Rossini muss man mit Dirigenten immer genaue Absprachen treffen. Dabei schätze ich es jedoch, wenn man die Entscheidung für eine Variante in allen Vorstellungen einer Serie beibehält. Offene Stellen für improvisierte Wechsel aus dem Stand vermeide ich lieber.

Wie vereinbaren Sie die beruflichen Anforderungen und Privatleben?

Meine Frau ist fast immer dabei, sie gestaltet zum Beispiel auch meine Website und hilft mir, wo es nur geht. Wir haben keine Kinder, diese würden unter der erforderlichen Flexibilität, die diese Berufung mit sich bringt, leiden.

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