Opfergrab der Staatsreligion

 

leicht gekürzt in Leipziger Volkszeitung – Mo 29. Mai 2017, S. 10

Ein spannender Musiktheater-Abend und programmatischer Höhepunkt am Ende der ersten Spielzeit von Opernintendant Florian Lutz. Oper zum Mitdenken, nicht zum Abfeiern – und das ist gut so.

Oper Halle: JEPHTA

Fotos: Tobias Kruse (Oper Halle)

Im Parkett des Opernhauses Halle formt sich ein Brautzug. Iphis ist voller Freude über ihre Vermählung mit Hamor. Auf einmal erstickte Schreie ihres Vaters Jephta auf der Bühne. „Keine Panik, es geht gleich weiter.“ ruft ihre Mutter Storgè, es sind die einzigen deutschen Sätze des Abends in englischer Originalsprache. Dank Christoph Sperings Dirigat und Tatjana Gürbacas dichter Personenregie gerät Händels Oratorium über den alttestamentarischen Richter unter politischen Strom. Der lautstarke Beifall der vielen Honoratioren aus Politik und Wirtschaft ist Aufforderung an Opernintendant Florian Lutz und sein Team, den mutigen Kurs mit bisheriger Diskussionspower in ihrer zweiten Spielzeit zu halten. Auch diese Premiere zeugt also nach „Der fliegende Holländer“ und der Uraufführung „Sacrifice“ vom ernstzunehmenden Willen der Oper Halle zur gesellschaftlichen Interaktion.

170529 Halle-Jephta-2

Georg Friedrich Händels „Jephta“, entstanden während seiner Erblindung und uraufgeführt in London 1752, ist die hochdramatische Erörterung von Alexander Popes „It must be so!“. Das vieldiskutierte Moralpostulat kommt als Rezitativ-Lamento: Der Mensch füge sich Gottes allergrausamsten Schicksalsschlägen! Jephta fordert von den Stämmen Israels die lebenslange Führungsmacht. Für seinen Sieg gegen die Ammoniter verspricht er Jehova die Opferung des ersten ihm bei der Rückkehr begegnenden Menschen. Das ist seine Tochter Iphis. Anders als in der Heiligen Schrift verhindert im Libretto Thomas Morells ein Engel dieses letzte Menschenopfer des alten Bundes und erklärt Iphis für unberührbar. In der Hallenser Aufführung bedeutet das genauso ihren Tod: Begraben wird sie unter einem Berg von Devotionalien.

170529 Halle-Jephta-5

Daraus machen Spering und Gürbaca mit dem zum Glück nicht auf kulinarische Makellosigkeit dressierten Ensemble der Oper Halle ein Spiel im Spiel. Chor und Extrachor sind dank der gestisch sinnfälligen Einstudierung durch Rustam Samedov ebenbürtige Protagonisten einer Parallelhandlung. Der religiöse Ideologe Zebul entzieht einer westlich-heutigen Gesellschaft (Kostüme: Silke Willrett) den religiösen Pluralismus: Antikenstatuetten, astrologische Figuren und asiatische Glückskatzen kommen unter Verschluss. Zwischen Stefan Heynes zwei bühnenbreiten Silberscheiben beginnen sinnfreie Aggressionsattacken. Die Gesellschaft militarisiert sich, wird Opfer der radikalen Ideologie, Krieg! Die gegen die Opferung und Gottes Willen rebellierende Storgè gibt „dem“ Volk seine vermissten Glaubensrequisiten zurück. Gürbaca treibt ihre sechs starken Solisten immer tiefer in ein echtes Drama mit lastender Konfliktmasse. Aus jeder Arie kommt das höchstmögliche Ausdrucksspektrum, ohne dass der Abend auch nur ansatzweise in plakative Atemnot geraten würde.

170529 Halle-Jephta-1

An einem Strang geschieht das mit der gefassten Konzentration des Händelfestspielorchesters, das sich nach dem müden „Sosarme“ wieder in Topform zeigt. Robert Sellier (Jephta), Svitlana Slyvia (Storgè) und Ki-Hyun Park (Zebul) sind keine Barockspezialisten. Der Vorteil: Kein verlegenes Szenenarrangement, dafür starkes Musiktheater mit Zeitbezug! An die Spitze rückt zunehmend Ines Lex (das Opfer Iphis), beflügelt wird sie durch den raphaelisch schön singenden Countertenor Leandro Marziotte (Hamor). Star des Abends ist der Knabensopran Tae-Young Hyun, mit langem Atem und berückend klarer Höhe liefert er ein Exempel von Belcanto, das in Herz und Sinnen haftet. Christoph Spering liebt Händel in großformatiger Besetzung, Musik und Bühne halten so bis zum bedenklichen Schluss die ausbalancierte Synergie: Spering stützt die dramatische Kraft der Solisten, setzt auf Rundung und kontrastreiche Klangfülle. Die Schärfe dazu kommt von der Regie.

170529 Halle-Jephta-4.jpg

Alternative Fakten und Fake-News sind nicht Tatjana Gürbacas Thema, trotzdem zielt die Eröffnungspremiere der Händelfestspiele 2017 geradezu ins Zentrum des Mottos „Original? – Fälschung?“. Ob es sich dabei um Fassungsfragen handelt, um Fremdverwertung musikalischen Ideeneigentums oder um die Bekräftigung Händels als „berühmtesten deutschen Barockkomponisten“: Wichtig ist für Kulturstaatssekretär Dr. Gunnar Schellenberger, das „Musikland Sachsen-Anhalt als Tourismussegment ganz in den Griff zu bekommen.“, so gesprochen in der Pressekonferenz am Nachmittag. Tatjana Gürbaca und Christoph Spering unterfüttern diese Forderung bereits wenige Stunden später mit einem denk- und diskussionswürdigen Statement. Was könnte es Besseres geben als eine solche ethische Positionierung zum Start der ausstrahlungsstärksten Musikfestspiele Sachsen-Anhalts?

Wieder am Fr 02.06./19:00, So 04.06./15:00 – www.oper-halle.de – Tel.: 0345/5110777

 

Advertisements