„Don Giovanni“ – al dente!
Spaghetti und Sex in der Grassistraße

Gekürzt in der Leipziger Volkszeitung am Mi 24. Mai 2017, Nr. 120, S. 12

Fotos: Siegfried Duryn

Verraten wollte ich in dieser Rezension nicht allzu viel von der sensationellen Spaghetti-Orgie in Finale II, um nicht den Überraschungscoup zu zerstören. Das Spiel der Soli: Hervorragend!  

Produktion aus einem Guss? Das ist Wolfgang Amadeus Mozarts „Don Giovanni“ an der Hochschule für Musik und Theater nicht. Zum Glück, denn das anarchische Element dieser Oper ist seit 230 Jahren ihr überzeitliches Alleinstellungsmerkmal. Die studierenden Solisten – hier sitzt das Wort richtig – sind großartig, alle dem Anfängerniveau entwachsen. Zu Recht stehen sie im Mittelpunkt. Sie zeigen souverän, wie man aus dürrem Notenpapier bewegende Kernaussagen meißelt und in Spannung hält. Die Inszenierung von Matthias Oldag mit trendig bis zeitlosen Kostümen von Barbara Blaschke, die Choreografie von Lynnda Curry und die Choreinstudierung von Jens Petereit sind musikdramatisches Futter pur. Was Matthias Foremny mit dem Hochschulorchester im Graben anstellt, wäre an größeren Häusern ein Fest. Jeder Akkord mit Sinn und Sinnlichkeit, Zusammenspiel an einem Strang, glutheiße Funken zwischen Graben und Bühne. Gesungen wird auf Italienisch – so eloquent, dass man bestens ohne Übertitel verstehen würde. Die Rezitative sind fast alle weg. Das macht die letzten Stunden Don Giovannis zum Geschwindigkeitsrekord, den man lange nicht vergisst. Die „Oper aller Opern“ (E. T. A. Hoffmann) ist hier der passgenau anarchische Tummelplatz für Verstörung, Ausschweifung und Ekstase. Auch erschütternd: Ein bewegt heißeres „Bravo“ an Alle!

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Nina Wiener und Christian Stolz legen im intelligenten Programmheft die richtigen Spuren, verraten aber nicht alles: Dieser Don Giovanni nimmt die Herzen der stolzesten Frauen durch Zärtlichkeit, ohne Schmeicheln. Seine Verheißungen bedeuten viel mehr als die letztlich öde Erfüllung. Das sieht man – und hört es in jedem Takt, weil Hochschulorchester und Spielgeschehen an den richtigen Stellen animalisch werden. Also die genau richtige Aktionsebene für Mozarts geniale Oper. Gefühlsecht in der Horizontale und Vertikale. Sex nicht nur im Kopf, sondern auch zwischen den Beinen und sinnliche Gier in den Stimmen erst recht. Die Bewunderung dafür reißt keine Sekunde ab.
Donna Anna (Sigrun Saevarsdottir) und Donna Elvira (Nele Kovalenkaite) werfen sich als in scharfe Dessous verpacktes Frischfleisch vor Don Giovanni. Sie bekommen viel, wollen immer mehr, verzehren sich in Begehren und Sehnsucht. Deshalb muss Annas B-Dur-Arie später zur in die Frigidität abgleitenden Abfuhr werden. Das hat ihr Don Ottavio (Christoph Pfaller) nicht verdient, der hier endlich einmal ein ganzer Kerl ist, der seine „Tesoro“-Kantilenen wunderbar abgestuft schattiert. Als Verlierer, aber kein Schwächling! Wie in der romantischen Aufführungstradition vor 1900 ist der versöhnliche Abgesang gestrichen: Am Ende gehen alle in Leporellos Kokainwolke unter.
Auf den Bühnenwänden sieht man die Körperlandschaft einer nackten Frau, eine Handfläche ruht auf ihrem Delta. Selbsthass, verborgene Begierden, Überdruss? Don Giovanni sticht in der Champagnerarie mit einem Fleischmesser wie gemartert in die Wände. Daher kommen die Linien und Kratzer, die man am Beginn für Stacheldraht oder Stroh halten musste…

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Philipp Jekal singt betörend, reißt ohne großen Gesten in seinen Bann: Langes Haar, offenes fliederfarbenes Hemd, sanfter Verführungspuls. Leporello – das ist nicht neu, hier zwingend – vollendet mehrfach straff, was sein „Herr“ beginnt. Schon zu Beginn gibt das Outfit des „Dieners“ zu denken: Seidenschal in Azur für den Scharfmacher der Partys und Skandale. Zur Hochzeit von Zerlina (Camille Dombrowsky) und Masetto (Benjamin Mahns-Mardy) steht Giovanni auf der Damenseite, Leporello bei den Männern des zackigen Chors in Reihe. Auch das gibt zu denken. Später entsteigt der Komtur, Rächer des sündigen Treibens, nicht aus dem Grab, sondern wird von Leporello geholt. Andreas Drescher ist ein deflorierter und verletzter Mann. Wenn er kommt, liegen sich Giovanni und Leporello in den Armen – es gibt immer ein erstes Mal.
Nie hat man die Register-Arie gehört wie von Johannes Leuschner, dieser Diener braucht keine Schriftnotizen. Er weiß alle Eroberungen Giovannis auswendig und Donna Elvira verfällt darüber nicht in moralische Entrüstung, sondern körperliche Erregung. Wer da wohl die Fäden in der Hand und Macht über Don Giovanni hat… wer sich da am meisten berauscht an Berührungen und Vereinigungen… Who knows?
Dieser „Don Giovanni“ ist ein Muss und riesiges Musiktheater-Glück. Auch darin, dass der Schluss bitterböse ist. Reizwäsche und Spaghetti werden zu seelischem Dynamit, der Rest sei Schweigen.

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Wieder am Mittwoch, 24.5.2017 und Donnerstag, 25.5.2017, 19.00 Uhr, Grassistraße 8, Großer Saal
Karten zu 12 €, ermäßigt 9 €, HMT-Studierende 2,50 € unter Tel. 0341/2144-615 (Mo-Fr 13-15 Uhr

Besetzung B: Don Giovanni: Frederik Tucker – Leporello: Riccardo Llamas Marquez – Commendatore: Jonas Atwood – Donna Anna: Henrike Henoch – Don Ottavio: Robert Pohlers – Donna Elvira: Carolin Schumann – Maestro: Frieder Flesch – Zerlina: Ayda-Lisa Agwa

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