Die Oper Magdeburg tritt in Konkurrenz zu Weimar: Zur Spielzeiteröffnung setzt man mit einer umjubelten Premiere auf Charles Gounods „Faust“. Parallel erschien in weitgehend identischer Besetzung die hochgelobte Produktion von Zdeněk Fibichs Oper „Die Braut von Messina“ nach Schiller auf CD bei cpo – spannend und sehr hörenswert. Und ab 1. Oktober wagt Gonzalo Galguera (wahrscheinlich ist in „Faust“ nur deshalb seine Kompagnie nicht dabei) ein Handlungsballett nach Goethes „Wahlverwandtschaften“ (Die deutsche Bühne, Oktober 2016).
Fotos: Kirsten Nijhof, Theater Magdeburg
(Aus Platzgründen wurde dieser Beitrag leider nicht in der LVZ veröffentlicht, deshalb dieser Nachschuss. Es war einfach eine spannende Produktion).)

Die von Buenos Aires bis Glasgow tätige Regisseurin Olivia Fuchs hatte neben sattsam bekannten Zitat-Teasern in den Zwischenakt-Projektionen wenig Goethe im Sinn. Wichtiger ist ihr der Wandel Fausts vom freudlosen Labortyrann im weißen Kittel zum befrackten Lebemann. Und später Marguerites Sturz vom attraktiven Unschuldsliebchen zum wissenschaftlichen Versuchskaninchen. Das von Marguerite erstickte Baby wird gewiss mit vielen anderen in Retortengläsern konservierten Säuglingen eingereiht.
Niki Turners Einheitsraum ist ein Kombi-Labor für Genetik und Soziologie. Hier geht es – Tagtraum? Selbstversuch? – um Fausts kurze Leidenschaft und deren böses Ende. Marguerite durchmisst ihre Traumata in einer durchsichtigen Würfelbox. Da ist sie isoliert und unter Beobachtung eines wissenschaftlichen Teams, das auch mit rothaarigen Superhexen in Vitrinen operiert. Schon zum Osterrummel machen Fetisch-Krankenschwestern klar, wo man sich befindet: Da, wo der Soldatenabschied zum Turbospaß wird und alle Fetische erlaubt sind. Aber deren evolutionärer Sinn, die reale Fortpflanzung, wird zum moralischen Makel und Anlass gesellschaftlicher Stigmatisierung. „Schöne neue Welt“ auf der Opernbühne – düster und spaßig. Nach der dauergeilen Amüsiermeute beim goldenen Kalb gibt es keine Steigerung. Dieses steht auf der Box, in dem Marguerite später ihre triste Existenz endet.

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Die Walpurgisnacht wird protokolliert von tristen Laborassistentinnen – Marguerite tötet ihr Kind genau dann, wenn sich Faust in ersehnte „süße Ausschweifungen“ wirft. In solchen Bildern ist die Inszenierung stark, vieles wird angerissen und wenig zu Ende gedacht. Das macht nichts, verrückt Goethes faustisches Hirnfutter in einen fragwürdigen Zeitgeist mit bizarren Revuemomenten und schaurigen Nebenwirkungen.
Die glänzend aufgelegten Magdeburger Philharmoniker verweigern sich mit dem neuen Kapellmeister Svetoslav Borisov der naheliegend süffigen Tonspur, mit der Gounods Oper für Dirigenten eine gemeine Falle ist. Borisow beginnt in den epischen Monologen Fausts fragmentiert und holt rissig, volltönend, verhalten, lüstern viele Feinheiten aus der oft unterschätzten Partitur. Der berühmte Walzer elegant und eine Spur ordinär, die Anmache im Garten ganz nah an Offenbach, viele Stellen mit Kern und Samt. Nur die Steigerung in die große Passion springt nicht ganz auf die Spitze dieses musikalischen Kristallbergs, doch ist das viel glücklicher als banales Sentiment.

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Sie sind hier gleich zwei verneinende Geister: Richard Samek, der soft-draufgängerische Faust mit idiomatisch französischem Stimmsilber, und Shavleg Armasi, der hintergründig komödiantische Méphisto. Das Doppelgänger-Pack erweist sich als vokales Traumduo für die melomanische Hitparade. Und Noa Danon – immer stark in hysterisch übersteuerten Partien – ist eine ungewöhnlich persönlichkeitsstarke Marguerite mit großer Emotion, entwickelt aus rund-reifen Tiefen des „Königs in Thule“ bis zum flehenden Höhenkoller am Ende ihr packendes Porträt. Ein „treues und braves“ Geschwisterpaar ist diese Marguerite mit ihrem Bruder Valentin. Toll: Johannes Wollrab trägt ein bedenklich enges Weltbild mit Sprengstoff in sich und hat dabei die grundsympathische Ausstrahlung eines Wunsch-Schwiegersohns. Die enthirnten Funnies rundum macht der Opernchor in der echt steilen Einstudierung Martin Wagners zum Hauptakteur. Falk Bauer verortet die melodramatische Moritat mit seinen Kostümen irgendwo zwischen einem groben „Käfig voller Narren“ und nimmersattem „Pariser Leben“. Das gedanklich Unfertige hat hier Qualität und liefert disparate Denkanstöße. Das passt gut zu Gounods „Faust“, sehr gut.

Wieder auf dem Spielplan: 17. September (19.30 Uhr), 2. (16.00 Uhr), 14. (19.30 Uhr), 31. Oktober (16:00), 11. November (19:30) 2016 – Opernhaus Magdeburg; Karten und Infos unter Tel: (0391) 40 490 4014 oder besucherservice©theater-magdeburg.de

CD „Die Braut von Messina“, Theater Magdeburg bei jpc

CD-Braut von Messina Cover

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