Deutsche Übersetzung des Beitrags in englischer Sprache:
http://operetta-research-center.org/gerd-natschinski-ddr-operettas/

Roland H. Dippel, April 2017

Beitragsbild: Funk und Fernsehen der DDR 09/1965, S. 20 – Standfoto aus dem TV-Film „Messeschlager Gisela“ – Inszenierung: Erwin Leister

Noch immer unternehmen die Verlage Schott und Bärenreiter, die nach der Wiedervereinigung das Notenmaterial von den DDR-Verlagen VEB Lied der Zeit und Henschel übernahmen, so gut wie nichts zur Promotion von Operetten und Musicals aus der DDR. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung kommt erst langsam in Gang, z. B. im Februar 2017 zum Symposium „Populäres Musiktheater im Sozialismus / Operette und Musical in den ost-europäischen Staaten zwischen 1945 und 1990“ veranstaltet vom Zentrum für Populäre Kultur und Musik der Universität Freiburg i. Br. und dem Institut für Kunstgeschichte und Musikwissenschaft, Abteilung Musikwissenschaft der Universität Mainz.

Die Gründe liegen jedoch auch entscheidend bei den Zeitzeugen selbst, wie der Autor in mehreren Begegnungen mit Vorständen und Interpreten der Musikalischen Komödie Leipzig festgestellt hatte. In vorbereitenden Gesprächen für meine Serie über „Operette und Musical der DDR“ vermutete zum Beispiel Roland Seiffarth, als früherer Chefdirigent der Musikalischen Komödie Leipzig ein Kollege von Komponisten wie Guido Masanetz, Conny Odd (Carlernst Ortwein) und Gerhard Kneifel, dass niemand mehr aus der nächsten Generation für diese spezifische Gattung der DDR Interesse zeigen würde. Erwin Leister, lange Chefregisseur der Musikalischen Komödie, stellt dagegen Zusammenhänge zu einem sehr sensiblen Selbstbewusstsein vieler Interpreten her, die in der DDR aus den Sparten Schauspiel und Oper unfreiwillig zu Operette und Musical versetzt wurden. In den Gesprächen wurde indirekt deutlich, das hinter der Nichtbeachtung von Operette und Musical der DDR auch eine tiefe Verunsicherung der Zeitzeugen existiert: Haben sie Energie und Zeit in eine Werkgruppe investiert, die von der Nachwelt verachtet wird? (Roland H. Dippel: Wertbeständiges im Vakuum. Eine Hassliebe, Serie „Operette und Musical der DDR“, Teil 10 in: Leipziger Volkszeitung, 11. Januar 2017, Nr. 9, S. 12). Gerade deshalb ist jedes Dokument aus der Feder eines Protagonisten dieser Szene wichtig, um etwas über ungeklärte Hintergründe und auch emotionale Faktoren zu erfahren. Und umso größer ist die Enttäuschung dann, wenn neben bekannten Aspekten keine weiterführenden Informationen verfügbar werden.

Der populäre und äußerst erfolgreiche ostdeutsche Komponist Gerd Natschinski verstarb am 4. August 2015. Wenige Wochen später folgte ihm am 5. November sein einstiger Kollege Guido Masanetz, wie Natschinski ein Komponist sozialistischer Operetten und Musicals. Diese beiden Tage markieren das Ende einer Operetten- und Musical-Epoche, die bereits mit der Wiedervereinigung der beiden geteilten deutschen Staaten 1990 abgebrochen wurde.

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Gerd Natschinski – Foto: William Pauli

Ein Jahr vor seinem Tod, 2014, sandte Gerd Natschinski mir die Kapitel seiner unvollendeten Lebenserinnerungen über seine früher allseits bekannten dreizehn Bühnenwerke. Online waren damals mehrere öffentliche Lesungen daraus durch seine Gattin und Witwe Gundula Natschinski angekündigt. Auf Fragen für eine geplante Buch-Publikation über das heitere Musiktheater der DDR gab es von Seiten der Familie keine Antwort. Die Rechtslage in Hinblick auf Natschinskis Memoiren ist ungeklärt, bis sich seine Erben darüber äußern. Nach Sichtung der Musiktheater-Kapitel scheint eine Publikation als Print angesichts des mäßigen Informationsgehalts nicht dringlich. Natschinski gewährte nicht mehr Fakten und Meinungen als in den zugänglichen Interviews und Materialien vor bzw. nach 1989. Dennoch haben die Texte dokumentarischen Wert, weil sich Gerd Natschinski selbst über die Vergangenheit äußert. Möglicherweise ist genauso bedeutend, worüber er nicht schreibt. Derzeit bereitet der Dirigent und Universitätsdozent Michael Stolle eine Biographie über Gerd Natschinski vor.

Gerd Natschinski komponierte zwölf musikalische Bühnenwerke und ein Ballett nach Offenbachs Hoffmanns Erzählungen“. Nach 1989 und der der Wiedervereinigung setzte er mit dem Komponieren aus, sein Durchbruch als Bühnenkomponist war 1960 seine Operette „Messeschlager Gisela”. Dem Uraufführungstriumph folgten 24 Bühnen, aber später verschwand das Werk von den Spielplänen der DDR. Später entstand noch eine Fernsehproduktion unter der Regie von Erwin Leister mit Eva-Maria Hagen, Mutter der Rocklegende und Kunstfigur Nina Hagen. Sie spielte das „dekadente Flittchen“ Margueritta. Erwin Leister berichtete mir 2016, dass der einzige Grund für den unvermittelten Stopp der Erfolgsserie von „Messeschlager Gisela” die humorvolle Gegenüberstellung des „freien” Westens und des sozialistischen Lebensstils waren. Wenige Monate später, ab dem Mauerbau 1961, war das Werk mit dem ständigen Perspektivenwechsel west- und ostdeutscher Positionen für DDR-Bühnen völlig ungeeignet.

Nach dem Tod Hans Pitras wurde Natschinski Intendant des maßstäblichen Metropoltheates im nahe am Grenzübergang zwischen Ost- und West-Berlin gelegenen Admiralspalast. Obwohl er nie SED-Mitglied war, hatten seine Filmmusiken und Lieder Spitzenpositionen in Theatern, Rundfunk, Film und Fernsehen des Ostens. Natschinski entzog sich weitgehend theoretischen und künstlerischen Diskussionen über Gegenwartsstoffe. Nach seinem größten Erfolg Mein Freund Bunbury“, einer Adaptation von Oscar Wildes The Importance of Being Earnest“ (1964) suchte er weiterhin Sujets aus der Vergangenheit wie „Casanova“ oder Ein Fall für Sherlock Holmes“. Sein einziges Gegenwartsstück nach Messeschlager Gisela“ war „Terzett“(1973), eine Paraphrase der Sage des Grafs von Gleichen, der zwei Frauen heiratete und mit ihnen in einem Grab beigesetzt wurde. Diese Konstellation wurde an der neuen sozialistischen Lebenswirklichkeit gespiegelt – zwei Frauen, ein Mann.

Natschinskis Erinnerungen beinhalten Gedanken über seine Bühnenwerke und zwei “Intermezzi” über sein Leben als Ehemann und Vater. Ihnen ist zu entnehmen, dass Natschinski seine erste Operette Der Soldat der Königin von Madagaskar“ später gar nicht schätzte und auch deren Bearbeitung Kamilla ist an allem schuld“ als Beispiel für den vorgestrigen Stil der DDR-Operetten vor 1960 betrachtete.

Er erzählte, dass Jo Schulz‘ Textbuch Messeschlager Gisela” das Preisstück in einem Wettbewerb für neue Stücke war. In den Erinnerungen erwähnte Natschinski keine Gründe, warum “Messeschlager Gisela“ nach dem Mauerfall in der DDR nicht mehr gegeben wurde und würdigte die Verfilmung Erwin Leisters. In mehreren Kapiteln streift er seine freundschaftliche Konkurrenz mit Guido Masanetz, seinem wichtigsten Mitstreiter um die Spitzenposition als Komponist des heiteren Musiktheaters der DDR.

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Guido Masanetz (1987) – DRA, Foto: Werner Popp

In zwei Fällen schlug Natschinski die Vertonung von Textbüchern aus. Für ihn komponierte Masanetz „Mein schöner Benjamino“, der keinen Erfolg hatte. Dann lehnte er die Einrichtung von Bretter, die die Welt bedeuten“ nach dem berühmten Schwank „Der Raub der Sabinerinnen“ ab, obwohl seine beiden langjährigen Partner Helmut Bez und Jürgen Degenhardt das Textbuch verfasst hatten. Natschinski hielt das „spätbürgerliche“ Sujet für ungeeignet, das dann Gerhard Kneifel vertonte und in der DDR zu einem Riesenerfolg wurde.

Zu Mein Freund Bunbury” berichtete Natschinski von Streitigkeiten mit der Regisseurin Charlotte Morgenstern. Und er wies darauf hin, dass er „My Fair Lady” erst kennenlernte, als die Komposition von „Bunbury” bereits weit fortgeschritten war, was wie eine Entkräftung anmutet. Bis heute gibt es auch Vermutungen, dass Natschinski eine kostengünstigere Paraphrase zu dem teuren westdeutschen Sensationserfolg beabsichtigte.

Nach der theatralen Revue „Die Frau des Jahres“ am Friedrichstadtpalast und einer Bühnenpause folgte „Terzett“ (1973). Während der Proben dazu verliebte er sich in seine zweite Frau Gundula. Nach dieser Begegnung begann seine zweite Karriere als Intendant des Berliner Metropoltheaters.

Ein Ausnahmewerk ist sein ABC der Liebe“ nach Novellen aus Boccaccios Decamerone“. Eine junge Frau und ein junger Mann erörtern den Unterschied zwischen dem Mittelalter und der „freien“ Gegenwart, was etwas Ähnlichkeit mit „Terzett“ hat. Stolz zeigt sich Natschinski über die Produktionen seiner Werke vor allem in Westdeutschland: „Bunbury“Terzett“ und „Casanova“ gelangten in Gelsenkirchen, München, Detmold und anderen Theatern zur Aufführung.

Nach dem Mauerfall beendete Natschinski sein kompositorisches Schaffen und war als Dirigent in beiden Teilen Deutschlands aktiv. Über das Ende seiner Eigenproduktion lässt sich nur spekulieren. Dachte er, dass mit dem Ende der DDR auch das Ende seiner Hochphase gekommen war? Konnte er sich eine Fortsetzung unter neuen gesellschaftlichen Bedingungen nicht vorstellen?

Natschinski hatte später keinen Glauben an den Erfolg von Gegenwartsstücken der DDR. Steffen Piontek weiß zu berichten, dass er am Staatstheater Cottbus “Casanova” zur Wiederaufführung empfohlen und Einwände gegen die Produktion von „Messeschlager Gisela“ hatte, bis er sich vom Erfolg der Aufführungen und der geistreichen Handlung überzeugen konnte.

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