Mickey-Mousing und Spätromantik

Bereits zum zweiten Mal gab es am 29. Oktober 2016 in der Arena Leipzig ein großes Disney-Konzert mit dem MDR Sinfonieorchester. Am Pult: Frank Strobel, spiritus rector der Europäischen Philharmonie und aus Leidenschaft der findige Kopf des Filmkonzert-Booms der letzten Jahre. Inzwischen dirigiert er viel mehr als Stummfilm -Klassiker wie „Metropolis“, ist längst angelangt bei „Matrix“ und „Herr der Ringe“. Erst Mitte September schrieb Frank Strobel wieder einmal Film- und Musikgeschichte: Die Aufführung der kompletten und rekonstruierten Musik Prokofjews zu Sergej Eisensteins „Iwan der Schreckliche“ war ein Höhepunkt der Berliner Festwochen. Über Schwerpunkte, den musikalischen Reiz von Disneys Imperium  und dem langen Weg zur Anerkennung von Filmmusik im Konzertsaal sprach er mit Roland H. Dippel am 04.10.2016.

Beitragsbild (Titel): Marco Ehrhardt – Fotos (sw): Thomas Rabsch

In der Leipziger Volkszeitung erschien am Fr 21.10.2016 – Nr. 247 – S. 10 eine stark gekürzte Fassung des Interviews: „Ich liebe Filme, in denen Musik ein Handlungsträger ist.“

Frank Strobel dirigiert das große Disney-Konzert in der Arena Leipzig

von Roland H. Dippel

RHD: Lieber Herr Strobel, in Ihrem Dirigentenleben steckt nahezu alles: Disney‘ „Fantasia“, Fritz Langs „Nibelungen“, etwas Siegfried Wagner und „Der Rosenkavalier“. Wie kommt das zusammen?

Frank Strobel: Die Liebe zur Klassik und Musik generell habe ich von meiner Großmutter, einer Pianistin, die zum Film aus meiner Jugend. Meine Eltern führten ein Programmkino im Olympiadorf München und mein erster Job war Filmvorführer, noch vor dem Musikstudium.RHD: Lieber Herr Strobel, in Ihrem Dirigentenleben steckt nahezu alles: Disney‘ „Fantasia“, Fritz Langs „Nibelungen“, etwas Siegfried Wagner und „Der Rosenkavalier“. Wie kommt das zusammen?

RHD: Ihre Aufgaben sind seit einigen Jahren deutlich vielfältiger. Erst gab es vor allem Stummfilm-Aufführungen mit Live-Orchester, jetzt immer öfter neuere Tonfilme mit Orchester. Welche Kriterien zählen da für Sie?  

Frank Strobel: Stummfilme waren bis Ende der 20er Jahre eine eigenständige Kunstform. Mit dem Tonfilm hat sich danach die musikalische Dramaturgie anders entwickelt. Es gibt eine Vielzahl an sehr guter Musik für Stumm- und Tonfilme. Mich interessiert, egal ob Stumm- oder Tonfilm,  immer die Funktion von Musik im Film. Ist ihr Charakter  – polar gefragt – illustrativ, atmosphärisch oder was…? Ich liebe Filme, in der Musik ein Handlungsträger ist und die Geschichte miterzählt. Diese Filme kann man sehr gut live aufführen, mit all ihren Genrebedingungen, Dialogen, Geräuschen usw. Das trifft z. B. auf „Matrix“ zu. Da überrascht die Fülle der Musik und erst recht deren Aufgaben.

Neujahrskonzert - Leitung: Frank Strobel
Neujahrskonzert – Leitung: Frank Strobel

RHD: Ist die Musik in Konzerten bewusster wahrnehmbar? In vielen Filmen setzt sie überhaupt nicht aus und erzeugt eine Cloud, ein „Raunen“? Ist eine kompakte Konzertsuite der Weg zum Kern des musikalischen Gedankens? Oder wie kann ich Ihre Absicht verstehen?

Frank Strobel: Dieses „Raunen“ meide ich Live immer und versuche daraus ein Amalgam zu konzentrieren, etwa eine Suite oder ein anderes konzertgemäßes Kondensat.  Dadurch wirkt die Musik viel stärker, allerdings nur wenn sie eigenständige, bewegende Substanz hat.

RHD: Den Einsatz von Musik in „Tribute von Panem“ empfinde ich beispielsweise übertreiben. Wie verhält es sich zum Beispiel neben „Matrix“ bei „Der Herr der Ringe“?

Frank Strobel: Beides sind substanzreiche Filme. Auf „Matrix“ kam ich über das Dirigat der dreisätzigen Sinfonie, die vom Komponisten Don Davis stammt. Dann wollte ich um jeden Preis diese Musik auch zu den Situationen dirigieren, für die sie entstanden war. Dagegen ist für „Der Herr der Ringe“ das manchmal falsch eingesetzte Attribut „Filmoper“ tatsächlich stimmig. Howard Shore griff musikthematische Prinzipien von Richard Wagner auf, das geht über die Füllfunktion von Musik weit hinaus.

RHD: Was springt Sie mit Ihrer Parallelexistenz zwischen der Spätromantik und filmischen Moderne besonders an? Die filmmusikalische Personencharakterisierung, das Kolorit oder die motivische Kompositionsarbeit?

Frank Strobel: Filmmusik hat Wurzeln in der Kunstmusik: So sind Erich Wolfgang Korngold und Max Steiner durch das Rüstzeug der Oper von Wagner und Strauss geprägt. Techniken der Klanglichkeit und Harmonik lernten sie in Europa und pflanzten sie in Hollywood ein. Damit begründeten sie einen bis heute gültigen Sound, von dem nahezu alle lernen konnten: Jerry Goldsmith, Elmar Bernstein, später James Horner oder Danny Elfman mit seinen Musiken für Tim Burton. Sie alle haben dieses dramatische Musikgen. Ungewöhnlich ist das nicht in der sinfonischen Filmmusik, diese Entwicklungsdynamik haben wir in der zeitgenössischen Musik überall. Es gibt geniale Reformen und radikale Verwerfungen – das ist einfach Musik des 20. und 21. Jahrhunderts – Punkt.

RHD: Gilt das auch für den Disney-Kosmos, der inzwischen fast ein ganzes Jahrhundert an der Spitze steht?

Frank Strobel: Ja und nein. Der Animations- oder Zeichentrickfilm fordert heraus zu einer ganz speziellen Technik, dieser absolut stimmigen Balance von gestischen und musikalischen Akzenten, dieses berühmte ‚Mickey-Mousing‘:  Die Musik hangelt sich an den dargestellten Bewegungen entlang. Dieses gegenseitige Durchwirken ist das Interessante. Bilder und Musik der frühen Disney-Filme entstanden in genauester gegenseitiger Abstimmung. Die Musik wurde nicht im Studio als letztes Glied der Produktionskette aufgenommen, sondern parallel zur Filmproduktion eingespielt. Dann wurde bei Disney – das wird man auch beim Konzert in der Arena Leipzig merken – die Entwicklung seit etwa 1955 immer songintensiver. Noch in „Alice“ sind Songs kein Kern der Disney-Dramaturgie, seither wurde die Bedeutung von Songs für Dramaturgie und Marketing immer wichtiger.

RHD: Kann man da bei Disney von einer „Webberisierung“ sprechen?

Frank Strobel: Absolut, dieser rote Faden ist in der Disney-History feststellbar. Die Frage ist nur, wer war zuerst da.  Die Sensibilität für Möglichkeiten und Wirkungen von Musik war immer eine Stärke von Disneys  Ideen. Das wollen wir in Leipzig in einem „Fantasia“-Ausschnitt zeigen.

RHD: „Fantasia“ mit Live-Orchester ist stilistisch doch verdammt heikel?

Frank Strobel: Eine echte Herausforderung ist das auf mehreren Ebenen, weil die alten Originalaufnahmen des Philadelphia Orchestra unter Leopold Stokowski unverwechselbar sind. Mit diesem Klang im Ohr begebe ich mich selbst in eine Interpretationsauffassung der 1940er Jahre, die ganz anders als heute und deshalb nicht ganz einfach zu realisieren ist. Man muss das ja so machen wie damals, weil die filmischen Bilder auf diese Wiedergabe entstanden und der Plot umgekehrt den Klanggestus diktierte.

RHD: Dieses Authentizitätsverständnis dürfte manchen Vertretern heutiger informierter Musikzierpraxis „schamlos“ vorkommen…  Denn das zielt nicht auf den Klang der Entstehungszeit, sondern den von älteren Stücken im kulturellen Klima einer vergangenen Ära.

Frank Strobel: Das kann man so sagen. Ich versuche und muss sogar Scheuklappen vermeiden, auch wenn manche Enthusiasten sich heute angewidert abwenden, z. B. bei Stokowskis Breitwandsound für die Bach-Toccata in der früheren „Fantasia“-Fassung. Aber das ist Teil unserer aktiven Musikgeschichte. Deshalb muss ich mich mit Fragen nach dem damaligen Wie und Warum auseinandersetzen. Durch Filmmusik gewinne ich so auch für sinfonische Musik anwendbare Erkenntnisse. Ein Beispiel dafür ist Alfred Schnittke als bei uns geläufiger Opern- und Konzertkomponist. Als endlich ein Teil seiner etwa 60 Filmpartituren zugänglich waren, zeigte sich erst der Kern seines Schaffens. Persönlichkeiten wie er, Prokofiew und Schostakowitsch bewegten sich selbstverständlich zwischen den Gattungen. Auch in Hollywood war das üblich: Nur in Mitteleuropa tun wir uns mit Wechseln zwischen den Gattungen und Medien auch deshalb schwer, weil wir Probleme damit haben, uns der emotionalen Kraft von Musik auszuliefern.

RHD: Ich freue mich auf „Das Phantom der Oper“ (1925) in Hinblick auf den hier diskutierten Stilcocktail: Ein amerikanischer Film und eine ältere französische Oper auf den „heiligen“ Faust-Stoff als „Oper in der Handlung“. Das ist als Schnittstelle der Stile zwischen Nostalgie, Historienmalerei, Zitaten und Milieuschilderung kaum zu trennen. Ist der Stummfilm als Gattung gar auch ein Märchen für Erwachsene?  

Frank Strobel:  „The Phantom of the Opera“ hat tatsächlich sehr komplexe Konnotationen, war aber für ein breites Publikum gedacht und dabei sehr erfolgreich. Die Frage dabei ist: Wer hat damals diese Vielschichtigkeit erkannt, verstanden oder „nur“ goutiert? Bei Disney hat man genauso diese mitreißenden Oberflächen und anrührenden Geschichten,  oft aus Märchenwelten mit inneren Wahrheiten, ohne gleich zu viel hinein zu geheimnissen. Bei Eisensteins „Iwan der Schreckliche“ (1941/45),  den wir gerade in Berlin aufgeführt haben, findet man Bezüge zu Gemälden. Das erschließt sich nicht beim ersten Mal. Ich finde Werke interessant, die beim wiederholten Sehen immer wieder unerwartet Neues entdecken lassen. Warum sind Disney-Filme bei Kindern so beliebt? Sind es die Geschichten, die niedlichen Figuren… Als Kind wollte ich Disney-Filme immer wiedersehen. Das steckt doch etwas dahinter? – als Gegenfrage!

RHD Ich denke, die Disney-Produktion  sucht seit fast 100 Jahren nach Sujets, die immer dicht am kulturellen Gedächtnis der gesamten westliche Welt sind –

Frank Strobel: Märchen-Sujets sind universell, die Filme deshalb auch. Und viele Disney-Mitarbeiter stammten aus Europa und schöpften aus ihren kulturellen Wurzeln dort.

RHD: In der Europäischen Filmphilharmonie widmen Sie sich Erschließungsaufgaben? Was für eine Basis haben Sie da?

Frank Strobel: Im Kern ungefähr zehn fest angestellte Mitarbeiter mit einer  Entwicklungsdramaturgie für internationale Produktionsvorhaben, Netzwerke mit Familien der Komponisten, Stiftungen. Da halten wir langfristig nach der Realisierung eigener Wunschprojekte und Aufträge Ausschau. Die Entwicklung dauert. Wir haben eine Notenbibliothek mit Fachbetreuung. Einiges muss neu arrangiert werden für heutige Möglichkeiten. Dann gibt es Projektmanagement für die Betreuung von Festivals, Veranstaltern und Orchestern. Das beinhaltet unerlässliche Voraussetzungen wie Lizensierung, Aufführungsrechte, Materialien und Technik. Für Restaurierungen bilden wir mit unseren eigenen Experten Netzwerke wie jüngst Eisensteins „Iwan der Schreckliche“. Wir hatten einen Mitarbeiter extra für die Analyse und das Protokoll von Übergängen, Überlappungen und puren Passagen von Musik, Atmosphären, Geräuschen. Mit Prokofjews Verleger und Rechtsinhaber Sikorski bildeten wir für die Edition eine Kooperation, dabei waren auch ZDF/  arte, das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und das Musikfest Berlin. Alle Teilaktionen laufen bei der Europäischen Filmphilharmonie als einer eigenständigen Institution zusammen, anders geht das heute gar nicht.

RHD: Wie steht es mit der Finanzierung?

Frank Strobel: Wie haben weder Drittmittelakquise noch Subventionierung und versuchen deshalb unsere Projekte für Aufführungen zu „verkaufen“. Mittels Materialmiete und Dienstleistungen finanzieren wir uns dann. Konzeptionell sind wir eine klassische Kulturinstitution, finanziell aber frei. Deshalb brauchen wir die Netzwerke. Anlass zur Gründung war vor sechzehn Jahren, dass es keinen professionellen Verband für Filmmusik- Projekte gab. Orchester, Dirigenten, Leitungsteams, Produzenten, Museen, Verlage, Komponisten, Arrangeure und die Orchester sollten endlich von einer zuverlässigen Stelle alle grundsätzlichen Informationen zur Realisierung und Administration erhalten.

RHD Bei einem früheren Projekt konnte ich nicht einmal die Rechtsinhaber einer Klavierbearbeitung von Murnaus „Faust“ ermitteln…

Frank Strobel: Das ist oft erst der Anfang, die Noten stammen oft aus siebter Hand und haben nur kaum noch mit der beabsichtigten Gestalt zu tun. Da konnte die Filmphilharmonie einen Quantensprung leisten. Momentan betreuen wir jährlich  eine Vielzahl von Projekten, da sieht man den Bedarf deutlich.

RHD: Wie viele Aufführungen sind das?

Frank Strobel: Etwa 200 Veranstaltungen.

RHD: Zum besseren Verständnis: Angenommen Sie spielen „Die Nibelungen“ morgen mit der Staatskapelle Weimar, übermorgen mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin – sind das für Sie zwei verschiedene Projekte oder zwei Aufführungen eines Projektes?

Frank Strobel: Als Dirigent sind es zwei Vorstellungen eines Projektes, für die Filmphilharmonie aber zwei Projekte. Das gleiche Werk hat in den Bereichen Technik, Equipment und Vorführung an jedem Ort andere Gegebenheiten. Im Konzerthaus Berlin erlebe ich absehbar eine ganz andere Konfiguration als im Nationaltheater Weimar. Die Position und Größe der Leinwand, Kaschierung und Licht müssen immer in optimaler Feinabstimmung zu Raum und Ambiente entwickelt werden. Die Kalkulation wird deshalb anders gestaffelt – nach Sitzplätzen zum Beispiel. Den Preis einer Kooperation können wir nur nach einer Vorbesichtigung kalkulieren. So unterschiedlich sind die Bedingungen, deshalb kann es noch kein reguläres Erfahrungsreservoir geben. Das war auch ein Grund für die Gründungsidee Ende der 90er Jahre. Für mich gibt es außerdem natürlich wie bei jedem klassischen Konzert beträchtliche stilistische und klangliche Unterschiede zwischen den Orchestern. Jede Aufführung ist anders, das gilt genauso für Filmpartituren.

RHD: Haben Sie eine – sagen wir – „Filmmusik-Formel“  ähnlich etwa dem Berechnungsschlüssel der GEMA entwickeln können?  

Frank Strobel: Das versuchen wir. Es gibt zum Beispiel einen Grundvertrag mit der Chaplin-Familie und der Murnau-Stiftung, die den für uns so wichtigen UFA-Bestand verwaltet. Ohne Grundraster könnte man darüber verrückt werden. Ganz brutal wird es aber bei Filmmusik-Ausschnitten in verschiedenen Programmmodulen. Die Wünsche sind da von Seiten der Geldgeber und künstlerischen Veranstalter ganz unterschiedlich. Da müssen für Konzerte mit Titeln aus verschiedenen Filmen – z. B. zum Genre Science Fiction – alle Rechtsinhaber einzeln angefragt werden, wie bei jeder Musicalgala.

RHD: Hatten Sie knifflige Situationen mit Rechteinhabern betreffend unvereinbare künstlerische Zielvorstellungen oder ähnliches?  

Frank Strobel: Die Komponisten oder deren Familien waren meistens sehr glücklich, wenn wir Werke „weitergedacht“ haben, etwa eine abgeschlossene Filmmusik für Konzerte. Viel schwieriger ist es mit Studios, manche sind ohne Verständnis für unsere Konzert- oder Spielsituation. Da werden übliche kommerzielle Preise erwartet, die für unsere Anlässe meist  jenseits aller Realitäten liegen. Kopfzerbrechen bereitete uns die Familie von Richard Strauss mit Einwänden gegen die Rekonstruktion des „Rosenkavalier“-Filmes. Bis zur vollständigen Aufführung und Erhalt der Genehmigung, die wir nur dem Vertrag mit der Staatskapelle Dresden zu verdanken hatten, vergingen Jahre. Sie spielte 1926 die Uraufführung des Films unter Richard Strauss und wollte die Wiederaufführung. Hohe Qualität war garantiert. Bei „Iwan“ sollten die vorbereiteten Einspielungen für CD und DVD nach den Tontrennungen für die Filmfassung zum Einsatz kommen: Die russische Produktionsgesellschaft MOSFILM hat das verboten, der Film durfte als Nationalheiligtum nicht verändert werden. Eine andere Dokumentationsform war möglich, eine Veränderung der überlieferten Tonspur nicht. So zeichnete man den Film in der Konzertsituation auf. Andere Fragen sind nicht so aufwändig. Es gibt zwar Vorschläge zur Balance oder Klangfarben, aber kaum Rückfragen zur Authentizität. Die Trennung von Film und Musik haben wir ja schon durch die Konzertanlässe vollzogen.

RHD: Dafür müssten sich in letzter Zeit Ihre Erfolgserlebnisse häufen…?

Frank Strobel: Ja, so arbeiten wir mit der Staatskapelle Weimar seit zehn Jahren einmal je Spielzeit zusammen, immer mit anspruchsvollem Programm. Auch die Kooperation mit dem zweiten Disney-Konzert mit dem MDR ist möglicherweise ausbaufähig. In den letzten Jahren verdichteten sich Filme mit Orchester generell zu einer Repertoiresäule, auch im Bewusstsein der Musiker. Die Schlachten um Akzeptanz für unsere Kunstform als ebenbürtige Kunstmusik des 20. und 21. Jahrhunderts sind zum Glück Vergangenheit. Sogar die Wiener Philharmoniker spielen jetzt eine Suite aus „Star Wars“ oder die Berliner Philharmoniker spielen in einem ihrer legendären Waldbühnenkonzerte nahezu ausschließlich  Filmmusik, unmöglich noch vor fünf Jahren. In Amerika oder Osteuropa gehört das schon lange zur Aufgabe der Kulturorchester.

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RHD: Gefragt zum plausiblen Vergleich: Wie oft haben Sie Filmvorführungen verschiedener Genres mit Orchester dirigiert?

Frank Strobel: „Die Nibelungen“ 15mal, „Matrix“ 20mal, „Rapsodia satanica“ 4mal, „Metropolis“, das mich seit 1983 beschäftigende Projekt in verschiedenen Fassungen schon 200mal…

RHD: Auch die Disco-Fassung von Giorgio Moroder?

Frank Strobel: Nein.

RHD: „Rapsodia satanica“ war eine fantastische Leistung – erst recht auch, wenn man die Kosten der nur zwei  Aufführungen für die Philharmonie Altenburg-Gera bedenkt.

Frank Strobel: „Rapsodia satanica“ hat nicht nur die großartige Musik von Pietro Mascagni, auch die moderne Realisierung erstaunt. Mascagni verstand das neue Medium und fand einen anderen künstlerischen Weg als in seinen Opern. Ich würde nur zu gerne wissen, wie Wagner fünfzig Jahre später agiert hätte und was aus seiner Theorie des Gesamtkunstwerks mit der Kenntnis des neuen Mediums Film geworden wäre…

RHD: Gibt es in Ihrer cineastischen Schatztruhe für zukünftige Förderer und Interessenten nicht noch weitere Bausteine von Wagners Gesamtkunstwerk zu Hollywood und Babelsberg? 

Frank Strobel: Eine sehr schwierige aber auch spannende Frage. Nach all den Jahren bin ich immer wieder überrascht von Werken, die man eigentlich nur halb kennt. Zum Beispiel mit dem Film „Zur Chronik von Grieshuus“ von Arthur von Gerlach nach Theodor Storm. Die Musik von Gottfried Huppertz stand immer im Schatten seiner anderen Partituren, nach „Die Nibelungen“ habe wir ihn mit ZDF arte rekonstruiert. Es gab keine gedruckte Notenausgabe, keine Partitur. Im Sendesaal Frankfurt waren wir wie vom Donner berührt von der unerwarteten Qualität dieser Musik. Die beste Musik von Gottfried Huppertz und von uns so lange unterschätzt!  Da ist sicher noch einiges außerhalb unseres Blickfelds.

RHD: Ist die Suche nach den verschwundenen Partituren beim Film schwieriger als für das Musiktheater oder das Konzert?     

Frank Strobel: Viel schwerer. Vieles aus der Frühgeschichte des Stummfilms ist verloren. Nach 1930 glaubte niemand an ein späteres Interesse, die Partituren wurden einfach weggeworfen. Nur 10 bis 15% aller Stummfilme sind erhalten, von den Musiken noch weniger. Die Materialsituation hat sich durch den Zweiten Weltkrieg und danach rabiat verschlechtert. Trotz der Kritik an der Kunstform Oper vor 1970 hat niemand gewagt, Material anzurühren. Die Tragik unbedachter Entsorgung der Filmmusik setzt sich aber auch in der Tonfilm-Zeit noch lange fort. Man hat Material zur einmaligen Aufnahme hergestellt und dann weggeworfen! Ich selbst war da ebenso leichtfertig bei mehreren der über 120 Filmmusiken, die ich bisher eingespielt habe.

RHD: ???

Frank Strobel: Deshalb besteht ja diese Problematik. Noch Ende der 70er Jahre hat man sogar das gesamte Musikarchiv der CBS auseinandergerissen oder weggeschmissen. Bei einem Nino Rota-Projekt in der Philharmonie Köln wollten wir die Musik zur berühmten Modenschau-Szene aus „Roma“ aufführen. Weg. Bei der Filmphilharmonie setzen wir in solchen Fällen Mitarbeiter ein, die die Musik von Filmen abhören und aufschreiben. Andere Komponisten haben Material für beliebig wiederholbare Aufführungen geschaffen, diese Notwendigkeit bestand bei Filmmusiken –  egal ob Stumm- oder früherer Tonfilm – ja nicht.

RHD: Also erst seit „Matrix“  gibt es Arrangements für Zither und Hackbrett—?

Frank Strobel: Don Davis kam von der klassischen Komposition – das war unser aller Glück – und hatte deshalb das Bewusstsein für zukünftige Möglichkeiten.

RHD: Hand auf’s Herz, auf mich wirkt die Musik von Huppertz zu Langs „Nibelungen“ von CD – ohne Bilder – stellenweise aufgeschwemmt und monochrom.

Frank Strobel: Die Aufnahme hatten wir für ZDF arte und DVD produziert. Da kam die Idee einer CD-Veröffentlichung auf. Ich dachte erst an eine Suite und war natürlich begeistert. Zur Gesamtaufnahme dachte ich dann: Kann man machen… Sonst versuche ich eine stimmige tragfähige Form zu finden, nach dem schwer erreichbaren Vorbild etwa von Tschaikowskis „Nussknacker“. Die CD war aber dann sehr erfolgreich. Sicher: Bei Live-Vorstellungen geraten die Zuschauer oft in einen unrealistischen Zeitbezug, angemessen dem eigenen Tempo und dem schreitenden, leicht verlangsamten Gestus des Films. Die Musik unterstreicht da und deshalb taucht man da in diese ganz eigene Welt ein. Auch beim Film verliert man das Zeitgefühl. Anders als bei Wagner, doch mit einem vergleichbaren Sog. Wenn man sich auf ein weniger analytisches Hören einlässt, ziehen einen Lang und Huppertz ebenso an.

RHD: Haben Sie bei Konzerten ohne Live-Film die Absicht, den dramatischen Gestus in die Konzertsituation zu überführen – oder zählt da mehr die „absolute“ Musik?

Frank Strobel: Im Konzertsaal finde ich eine unmittelbare Raumakustik vor, die man im Film erst durch neuere Wiedergabetechniken wie Dolby, Surround und Atmos und dergleichen herstellen kann. Im Konzertsaal habe ich diese immer, im Kino wird sie generiert. Im Konzertsaal, dieser akustischen Ressource, beginnt die Arbeit an der Musik erst richtig  – anders als im Film. Das ist für mich ein Teil der Überführung. Die Auswirkungen des Resonanzraumes muss ich ausloten und für die Hörenden in der Aktion des Dirigierens vorausdenken. Stellen Sie sich umgekehrt einen Dirigenten vor, der eine Opernaufführung für die Wiedergabe im Fernsehen realisiert… da erklärt sich einiges.

RHD: Stimmt, das hatte ich umgekehrt jetzt nicht mitgedacht.

Frank Strobel: In Konzert entsteht etwas, was man umgekehrt im Kino so nicht erleben kann. Trotz der starken Wirkungsgewalt mit der großen Leinwand, dem Ton, der starken Geschichte, der Dunkelheit im Saal. Das erzeuge ich bei einem Film mit Live-Orchester im Konzertsaal ebenso. Aber die Unmittelbarkeit des Tones stellt sich dort stärker ein und steigert die Erlebnisstärke. Nach der „Matrix“-Premiere zum Schleswig-Holstein-Festival waren viele Leute einfach überwältigt, sogar mein Manager. Das macht auch die Unmittelbarkeit  des Gemeinschaftserlebnisses.

RHD: Herr Strobel, es ist bereits das zweite Disney-Konzert in der Arena Leipzig, worauf dürfen sich unsere Leser freuen?

Frank Strobel: Neu ist ein eigener „Tarzan“-Block, Ausschnitte aus „Frozen Ratatouille“, „Hercules“ und „Der Feuervogel“ aus „Fantasia“. Diesen Bogen zur Klassik finde ich gut, um möglichst viele Dimensionen von Disneys Universum zu zeigen.

RHD: Was kommt danach in Mitteldeutschland?

Frank Strobel: Neben „Phantom“ dirigiere ich in Weimar im Mai auch ein Sinfoniekonzert mit den beiden Jazz-Suiten von Schostakowitsch und der apokalyptisch schweren symphonische Ouvertüre „Sursum  Corda“ von Erich Wolfgang Korngold, der Urzelle für seine berühmte Musik zu „Robin Hood“.

RHD: Herzlichen Dank für das ausgedehnte Gespräch und schöne Tage in Leipzig!

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