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von Roland H. Dippel / Foto: Anna Kolata, Oper Halle

Interview mit Florian Lutz (Intendant), Dr. Veit Güssow (stv. Intendant) und Michael v. zur Mühlen (Chefdramaturg), 12. Oktober 2016

Das hier ist die ungekürzte Version des am 14.12.2016 in der LVZ erschienenen Interviews. Das Treffen fand statt in der Intendanz der Oper Halle am 12. Oktober 2016.  

Sie bilden an der Oper Halle ein Triumvirat und versuchen damit eine Alternative zu herkömmlichen Leitungsstrukturen im Kulturbetrieb zu etablieren. Das Eröffnungsfestival in der Raumbühne HETEROTOPIA fand kontroverse und begeisterte Aufnahme. Florian Lutz (Intendant), Dr. Veit Güssow (stellvertretender Intendant) und Michael v. zur Mühlen (Chefdramaturg) öffnen sich Diskussionen mit dem Publikum und sind sicher bald überall zu finden, wo sich Synergien zur urbanen Gesellschaft und zu Studierenden in Halle ergeben. Explizit die Kommunikation mit den Bürgern der Stadt und die Interaktion der Sparten sind wichtige Bausteine der neuen Hallenser Linie. Der Opernspielplan dieses Jahres setzt auf die Säulen von klassischem Repertoire, experimentellen Programmen und die aufwändige Uraufführung eines Auftragswerkes – „Sacrifice“ von Sarah Nemtsov und Dirk Laucke. Roland H. Dippel traf sich mit der neuen Leitung zum Gespräch in der Intendanz des Opernhauses Halle.

RHD: Wie sieht Ihr gesellschaftliches und ästhetisches Programm für die Oper Halle aus? Haben Sie eine Zielvorstellung – neben den sehr gut wahrnehmbaren Positionen Kommunikation, Offenheit und Aktualität?

Michael v. zur Mühlen: Und natürlich gehört zu so einem inhaltlichen Anliegen auch die Aufgabe, dieses in der Stadt offener, transparenter und gezielter zu vermitteln.

Florian Lutz: Wir alle haben bisher als freischaffende Regisseure bzw. Dramaturgen sehr unterschiedliche Haltungen und künstlerische Schwerpunkte entwickelt. Aber im Vordergrund unserer Arbeit stand auf sehr vielfältige Weise stets das Bemühen um eine zeitgemäße Bildsprache und eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Themen, die uns aktuell bewegen oder die wir für gesellschaftlich relevant halten. Die gemeinschaftliche künstlerische Leitung der Oper Halle gibt uns nun die Möglichkeit, diese Ausrichtung nicht mehr nur für einzelne Produktionen zu entwickeln, sondern in einer umfassenderen und längerfristigen Planung für die Stadt und mit den Menschen in Halle.RHD: Wie sieht Ihr gesellschaftliches und ästhetisches Programm für die Oper Halle aus? Haben Sie eine Zielvorstellung – neben den sehr gut wahrnehmbaren Positionen Kommunikation, Offenheit und Aktualität?

RHD: Herr Lutz, waren Sie schon vor Ihrem Antritt als Intendant hier in Halle? 

Florian Lutz:  Ja, als Gastregisseur für die Opernproduktionen „Phaedra“ von Hans Werner Henze und „Die arabische Nacht“ von Christian Jost sowie zu einem Händel-Projekt mit der Batzdorfer Hofkapelle anlässlich der Internationalen Händelfestspiele 2014. Mir fiel schon während dieser drei Inszenierungsarbeiten auf, dass es in Halle ein wunderbares, neugieriges und aufgeschlossenes Publikum gibt, das treu zu seinem Opernhaus steht.  Was allerdings in den letzten Jahren ein bisschen vernachlässigt wurde, das ist die Vernetzung mit den zahlreichen Studierenden und den unterschiedlichen Kulturinstitutionen der Stadt. Wir wollen die Oper Halle mit unserer künstlerischen Ausrichtung über das Stammpublikum hinaus auch wieder stärker für diese Kreise öffnen, wie das in vergangenen Zeiten hier auch durchaus der Fall war. In den Achtziger und Neunziger Jahren gab es hier ja einen außerordentlich Impuls des Musiktheaters als Innovationsmotor.

Veit Güssow: Nicht nur durch Peter Konwitschny, sondern zu nennen ist hier sicher auch Helmut Brade, der in Halle als Bühnenbildner und als Professor für Kommunikationsdesign an der Burg Giebichenstein wirkte.

RHD: Haben Sie sich zu dritt beworben?

Florian Lutz: Zunächst wurde nur ich von Leuten in der Stadt angesprochen, daraus ergab sich eine individuelle Bewerbung. Als sich die Aussicht auf die Intendanz an der Oper Halle konkretisierte, haben wir uns zusammen gesetzt und über eine Zusammenarbeit und mögliche Alternativen zu herkömmlichen Leitungsmodellen nachgedacht. Diese Reflexion auf andere Formen von künstlerischer Arbeit und Kooperation hängt auch mit den Inhalten zusammen, die uns interessieren und sie hilft ungemein bei der Entwicklung der künstlerischen Vielfalt, die wir anstreben.

RHD: Haben die von Ihnen angesteuerten Zielgruppen Folgevorstellungen des „Fliegenden Holländers“ besucht? In der Premiere nahm ich viele Auswärtige wahr, aber verhältnismäßig wenig Hallenser Stadtbevölkerung.

Veit Güssow: Der Erfolg unseres Spielplans muss sich in der Stadt entscheiden, so sehr wir uns auch über Besucher aus Berlin, Leipzig, Erfurt oder anderen Städten freuen. Hier in der Stadt sind die Bürger angehalten zu einer Entscheidung: Kommen sie weiterhin? – oder: Kommen sie mit neuer Neugierde? – oder gehen sie vielleicht zum ersten Mal in die Oper, weil es interessant klingt, was sie über die neue künstlerische Ausrichtung hören und lesen?

Michael v. zur Mühlen: Und viele Bürger dieser Stadt haben sich anlässlich unseres Eröffnungsmarathons entschieden zu kommen und wieder zu kommen. Sowohl zu den Premieren als auch zu den Folgevorstellungen hatten wir einen großen Zulauf sowohl von traditionellen Opernfans als auch von neuen Besuchern, die jetzt auf uns aufmerksam geworden sind. Gleichzeitig gibt es noch so viele Foren für intensive Bemühungen um neue, junge und alte Besucher, bei dem wir erst jetzt dazukommen Kontakte her zu stellen – die Uni, die Kunsthochschule Burg Gibichenstein, die ganzen Kultureinrichtungen der Stadt…

Veit Güssow: An drei Stellen haben erste Annäherungen bisher sehr gut funktioniert: „Der fliegende Holländer“ ist seit der ersten  Vorstellung das gesamte Raumbühnen-Kontingent ausverkauft gewesen. Vieles funktioniert in Halle neben Zeitung, Radio und Plakaten vor allem über Mundpropaganda. Das bemerkten wir schon bei Einführungsveranstaltungen wie den „Kostproben“ vor der Premiere. Wir setzten auf einen neuen Raum und eine neue Ästhetik, die jenseits von Detailfragen sehenswert ist. Das hat funktioniert.

Florian Lutz: Beim Ballett „Groovin‘ Bodies“ auch – mit und durch die Auftragskomposition von Ivo Nitschke und Ralf Schneider für zwei Schlagzeuger, die auf einem riesigen Percussionaufbau ihre Komposition live spielen.

RHD: Funktioniert dieses Ballett nur auf der Raumbühne HETEROTOPIA oder auch in der üblichen Bühnenform?

Florian Lutz: Alle Stücke der Eröffnungswochen kommen nur in der Raumbühne zur Aufführung, nicht im „normalen Guckkasten“. Aber HETEROTOPIA wird in dieser Spielzeit insgesamt noch drei weitere Male aufgebaut und da gibt es immer blockweise die Möglichkeit die Raumbühnenstücke wie „Holländer“, „Wut“, „Kein schöner Land“ oder „Groovin‘ Bodies“ an zu schauen. Dazwischen läuft unser „normales Opernrepertoire“.

RHD: Beim Hallenser „Holländer“ hörte man gelegentlich den Einwand, es fehle das Rauschhafte der Musik. Und das neue Team wolle interaktive Multiperspektivität auf Kosten der Musik erzwingen. Ist das so?

Michael v. zur Mühlen:  Richtig ist erst mal, dass man den „Holländer“ auch anders als in der Zentralperspektive hören kann, dann entsteht etwas Anderes und Neues. Das empfinden einige Zuschauer als Verlust aber die große Mehrheit als spannenden künstlerischen Gewinn.

Veit Güssow: Dann ist nicht mehr der perfekte Klang im Raum das alleinige Maß aller Dinge, sondern neue Musik- und Raum-Erfahrungen. Bei uns sitzt man direkt neben Solisten oder inmitten von Gruppen des singenden Chors. Gerade musikalisch ist das sehr interessant. Aus der von Ihnen genannten Kritik spricht nicht Enttäuschung über das, was passiert, sondern über das Fehlen von dem, was vergeblich erwartet wurde.

Florian Lutz Übrigens steht der „Holländer“ bezüglich des Raum-Klang-Erlebnisses für sich, bei „Farben der Moderne“ ging es nur um die Musik und „Tosca“ findet in einer ganz „klassischen Bühnenanordnung“ statt. Insofern arbeiten wir an sehr unterschiedlichen Formen von Opern- und Musiktheatererlebnissen. Ich erwähne es, weil es einige erstaunen wird:  aber eine wichtige treibende Kraft beim „Holländer“ war unser GMD Josep Caballé Domenech, der sich von Anfang an für das Raumkonzept begeisterte und vom musikalischen Gewinn dieser Holländerkonzeption überzeugt war, auch wenn man von keinem Platz aus Wagner so ausbalanciert hört wie „normal“. Mindestens ein Drittel des Publikums hat in unmittelbarer Nähe ein Erlebnis der vokalen Klangerzeugung wie noch nie, und das begeistert gerade viele Musik- und Opernfans außerordentlich.

RHD: Planen Sie Ihre Premieren nach Wirkungsakzenten…?

Florian Lutz: Wir machen erst mal das, was uns unmittelbar selber gefällt oder richtig erscheint. Aber natürlich beobachten wir auch interessiert, dass jetzt vermehrt Besucher aus Leipzig oder Berlin in die Oper Halle kommen. Der Tenor bei vielen Zuschauern ist: Endlich passiert hier wieder etwas, wofür Leipzig lange gestanden hat: Musiktheater auf Höhe der Zeit. Wir laden Künstler ein, die noch vor wenigen  Jahren in Leipzig gearbeitet haben – z. B. unseren „Tosca“-Regisseur Jochen Biganzoli oder die „Jephtha“-Regisseurin Tatjana Gürbaca – und mit deren Weggang sich das Image der Oper Leipzig total gewandelt hat.

RHD: Damit fördern Sie die Farbenvielfalt in der Musiktheaterlandschaft Mitteldeutschlands.

Florian Lutz: Das versuchen wir ganz dezidiert. Deshalb haben wir auch hervorragende Kontakte zu den Theatern in Magdeburg und Dessau entwickelt und empfinden diese Trias als starke Bereicherung. Schon ziemlich früh haben wir uns mit den drei sehr unterschiedlichen „Holländer“- Produktionen in dieser Spielzeit zusammengetan. Diese drei Produktionen sind so gegensätzlich, dass es eine wunderbare Gelegenheit ist zum Kontakt. Die Freundeskreise aus Magdeburg und Dessau waren schon bei uns. Nach der dritten Premiere wird es ein gemeinsames Symposium in Magdeburg geben.

Michael v. zur Mühlen: Im Sinne der künstlerischen Vielfalt in der Region legen wir neben der Vernetzung mit anderen Theatern übrigens ein besonders großes Gewicht auf Uraufführungen und offene Projekte. Mit der Bachkantatenkollage „Luther“ wird es zum Reformationsjubiläum ein großes Bürgertheater-Projekt bei uns geben. Auch das mehrteilige Performance-Projekt „Das Kunstwerk der Zukunft“ stellt eine innovative Inszenierungsreihe dar, die es so in dieser Form bislang an keinem Opernhaus in Deutschland gibt. „Kein schöner Land“ ist  eine szenisch musikalische Kreation neuen Zuschnittes und für die Opernuraufführung „Sacrifice“ haben die Komponistin Sarah Nemtsov und der Autor Dirk Laucke sogar einen Kompositionsauftrag für eine abendfüllende Oper von der Oper Halle erhalten. Da sind gleich vier neue Stückformate, die wir neben den bewährten Repertoireklassikern in unserer ersten Spielzeit lancieren.

Übrigens wollen wir eine Uraufführung pro Jahr von jetzt an auch als Standard bei uns am Haus etablieren und auch das ist eine  Besonderheit in der deutschen Musiktheaterlandschaft.

Veit Güssow: Gleichzeitig ist uns natürlich auch die Ausgewogenheit des Jahresspielplans wichtig.  Neben den ambitionierten innovativen Projekten setzen wir bewusst auf bekannte und beliebte Werke des Kernrepertoires wie z.B. „Holländer“, „Tosca“ und „Mahagonny“. Bei der „Tosca“ haben wir gezielt ein Stück für die in Halle außerordentlich bekannte und beliebte Sopranistin Romelia Lichtenstein gesucht und kamen dadurch zusammen mit dem Regisseur auf eine passgenaue, sehr interessante  Konzeptionsidee für den Abend. So ergeben sich manchmal organische Übergänge zwischen Besetzungspotenzial und Spielplanentscheidungen.

RHD: Was ist dem Zyklus „Der Ring des Nibelungen“?

Florian Lutz: Den haben wir erst mal aufgehoben.

RHD: Den Leitungswechsel hier nehme ich als fließend-dynamisch wahr. Ist das als Bekenntnis zum Ensembletheater zu verstehen? Es gibt auch Wiederaufnahmen…

Florian Lutz: Wir machen Repertoire- und Ensembletheater. Deshalb nehmen wir zahlreiche Stücke der letzten Spielzeit wieder auf und haben auch viele Solisten des Ensembles behalten oder zurückgeholt. Z. B. Ines Lex. Viele Mitglieder kenne ich noch von meinen Regiearbeiten der letzten Jahre hier und mein Vorgänger Axel Köhler hat einfach hervorragende Ensemblearbeit geleistet, von der wir bis heute profitieren.

RHD: Haben Sie untereinander eine fixe Aufgabenteilung?

Michael v. zur Mühlen:  Bereiche und Schwerpunkte ergeben sich aus unseren verschiedenen Biographien und unseren unterschiedlichen Bezügen zur klassischen Oper, zur neuen Musik und zum Schauspiel.

Veit Güssow: Oftmals lassen sich die Bereiche gar nicht trennen. Die Entscheidungsfelder sind ausgedehnter als in einer Generalintendanz. Jeder hat seine Einzelprioritäten und dann das große gemeinsame Ziel, die Oper Halle voranzubringen.

Florian Lutz: Und da ist ein einzelner Intendant von den Mitarbeitern viel schwerer zu erreichen als drei verschiedene Leitungsmitglieder, die gleichberechtigt auftreten. Es ergibt sich durch diese Aufgabenteilung ein zügigerer Kommunikationsfluss – wir sind für alle im Haus besser ansprechbar.

RHD: Was war für Sie der bisher eindrucksvollste Hasskommentar in Halle?

Florian Lutz: Eine Dame aus dem Freundeskreis hat uns nach der Premiere von „Kein schöner Land“  eine  Rechnung über 146 € Aufwand und vergeudete Lebenszeit geschickt, weil sie die Inszenierung so abscheulich fand. Dieselbe Dame war aber sehr beeindruckt von meiner „Holländer“-Inszenierung, sodass wir uns bald in einem ausführlichen Gespräch wieder fanden. Dabei konnten wir ihren Ärger und ihre Ablehnung gegenüber der Produktion zwar nicht aus dem Weg räumen, aber es entstand eine äußerst spannende Diskussion über Freiheit der Kunst und politisches Musiktheater, von der wir beide ziemlich viel gelernt haben. Ich merke an solchen Begegnungen: Wenn wir Einwände ernst nehmen,  merken die Leute, dass Diskussionen über Kultur Freude machen können und das steigert nebenbei auch den Zulauf zu unseren Veranstaltungen. Insofern ist eine kulturelle Streitkultur nicht nur etwas äußerst Spannendes und Schönes, sondern kann mitunter sogar verkaufsfördernd wirken. Daran zu arbeiten macht uns im Moment große Freude.

RHD: Herzlichen Dank für das umfangreiche Gespräch und weiterhin viel Erfolg!

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