Starke Wagnersänger

Dessaus „Fliegender Holländer“ ist ein musikalischer Triumph

von Roland H. Dippel

Fotos: © Claudia Heysel, Anhaltisches Theater

Hier die ungekürzte Rezension für die Leipziger Volkszeitung, 12.10.2016, Kultur, Seite 12

Wie in Halle tritt in Dessau das neue Leitungsteam mit Richard Wagners windig-rauer Outlaw-Ballade „Der fliegende Holländer“ an, das Theater Magdeburg folgt im Januar und die drei Bühnen bieten ein attraktives Kombiticket „Holländer hoch drei“. Das Leistungsspektrum der Beiträge Eins und Zwei hat hohe Kontrastschärfe zwischen Casual (Halle) und Business (Dessau). Am Anhaltischen Theater waltet mit Johannes Weigand, dem neuen Generalintendanten, erneut Markus L. Frank und jetzt geadelt zum GMD: Von 2003 bis 2008 war er dort Kapellmeister, unterbrach diese Ägide durch den Wechsel zum Loh-Orchester Sondershausen und Theater Nordhausen. Zurück kehrt Markus L. Frank genau zum Jubiläum „250 Jahre Orchester Dessau“. „Der fliegende Holländer“ ist sein Wiederantrittsstreich und wird auch in der zweiten Aufführung stürmisch gefeiert. Opernchor und Extrachor trumpfen unter Sebastian Kennerknechts Leitung dazu machtvoll auf.

0783_atd_der_fliegende_hollaender_c_claudia_heysel

Dieser Romantik-Thriller gehört zum Kernrepertoire im „Bayreuth des Nordens“. Glänzend aufgelegt stellt das die Anhaltische Philharmonie unter Beweis: Farbig die Streicher und toppakkurat auch alle Bläser in dynamischer Differenzierung. Spätestens ab dem Terzett, in dem der biedermännische Kapitalist Daland seine Tochter dem wie ein Fantasy-Held gestylten Holländer zutreibt, hat das überdies saftigen Drive. Der später ergänzte Erlösungsschluss wirkt wie ein programmatisches Bekenntnis zum affektiven Musiktheater. Auf der Hinterbühne schreiten Senta und der Holländer aufeinander zu – Aus.

Die Szene hält Guido Petzold auf einem Holzboden für Schiff, Nähstube und Bucht in Düsternis. Wagners Weltkritik wird mit einfachen Mitteln als poetische Geschichte erzählt. Die Holländer-Mannschaft mit schwarzen Kopfmasken und blutverschmierter Brust kommt sogar aus der Zombie-Zone. Sven Bindseils Kostüme – schwarz, frühindustriell, proper – würden ebenso gut zur „Piratenkönigin“ passen. Und doch, etwas Ironie an Wagners Vision vom „Weib der Zukunft“ lassen Jakob Peters-Messer und sein Co-Regisseur Björn Reinke aufblitzen. Immer blickt Senta, dabei ist die Interpretin gar nicht so klein, zu den Männern auf, zum vorgesehenen Bräutigam und zum begehrten Idol. Die von den Mädchen besungenen „Rädchen“ sind Brautschleier, an denen die Matrosenliebchen sticken. Nur einmal, beim gegenseitigen Treuegelöbnis, darf Senta auf einem Stuhl die Männer überragen und wird da zum goldblonden Engel des Leidensmannes vom Meer. Das Bild des Holländers, durch das Senta ihm verfällt, ist ein mattweißes Quadrat im Boden.

Sentas abservierter Erstlover Erik ist wie in Halle gewaltbereit, hält Verlobungsringe und Schnappmesser parat. Der Ensemblezuwachs Ray M. Wade, Jr. singt ihn kräftig, schön und gar nicht larmoyant, dass es eine Freude ist. Es soll die Leistungen von Rita Kapfhammer (Mary), dem passend grobkörnigen Michael Tews (Daland) und David Ameln (Steuermann) nicht schmälern, dass das Anhaltische Theater für die zwei zentralen Parts Luxusbesetzungen in den eigenen Reihen hat, die sogar verwöhnte Puristen dahinschmelzen lassen:

Immer wieder ist es erstaunlich, was Iordanka Derilova alles kann. Die Bulgarin beherrscht alle Ausbrüche souverän und mit riesigem Forte. Ballade und Schwur ihrer Senta kommen in perfekter deutscher Diktion. Für die Deklamationen hat sie den Vorzug fürwahr belcantesker Phrasierung mit dunkel gedecktem Timbre. Das erschließt eine neue Dimension, auch weil in Iordanka Derilovas vokaler und szenischer Stärke die Mädchenseele mitschwingt. Bravourös und berührend.

9037_atd_der_fliegende_hollaender_c_claudia_heysel

Dabei macht es ihr der Bühnenpartner nicht einfach. Ulf Paulsen hat im „Holländer“ eine Glanzpartie erobert, der er nichts schuldig bleibt. Auch ihm geht es um viel mehr geht als große Ausbrüche und kerniges Melos. Überall, vor allem in den Crescendi am Ende des Monologs und in seiner Anrede an Senta hat er das volle Farben- und hier noch wichtigere Schattenreservoir. Die fahlen Linien gehen auf langem Atem durch und durch. Dadurch wird er ganz und gar zum traurigen, bleichen, düsteren Außenseiter. Dieser „fliegende Holländer“ in Dessau wird sicher zum Dauererfolg, weil er die radikale Suche nach Liebe oder Erlösung in eindeutige Bilder gießt und faszinierend intensiv gesungen wird. Davon überzeuge man sich.

1072_atd_der_fliegende_hollaender_c_claudia_heysel

Anhaltisches Theater Dessau; theaterkasse@anhaltisches-theater.de;  Karten und Infos unter Tel: 0340- 251133

Termine: http://www.anhaltisches-theater.de/der_fliegende_hollaender

Das Buch zum Jubiläum 250 Jahre Orchester Dessau (Link zu www.buchhandel.de (ohne Affiliate):

Karl-Heinz Köhler (gest)/Lutz Buchmannn/Ronald Müller/Michael Assmann/Reinhard Gutte: Von der Fürstlichen Hofkapelle zur Anhaltischen Philharmonie. 250 Jahre Orchester in Dessau. Jonitzer/Dessau 2016 – 144 S., 14,90 Euro

Advertisements