„Ich habe keine Zeit für Mittelmaß.“

Edda Moser, aktive Botschafterin der deutschen Sprachkunst, leitet das 11. Festspiel der deutschen Sprache in Bad Lauchstädt

von Roland H. Dippel

Am 12. September traf ich Frau KS Prof. Edda Moser zum Interview für die LVZ im Kurpark Bad Lauchstädt. Das vollständige Interview (gekürzt veröffentlicht in LVZ: Fr 16.09.2016, / Nr. 208 / S. 12) finden Sie hier. Fakten und Hintergründe hat Edda Moser auch in Ihren Erinnerungen „Ersungenes Glück“ (mit Thomas Voigt, Henschel Verlag 2011) dargestellt.

Sie ist ein Vulkan: Enthusiastisch, energisch, streitbar. Nach einer 35jährigen internationalen Karriere fand die Sopranistin Edda Moser (geb. 1938) mit dem von ihr gegründeten „Festspiel der deutschen Sprache“ im Goethe-Theater Bad Lauchstädt eine weitere befeuernde Aufgabe, dieses Jahr bereits zum zehnten Mal. Zeitgenössischen Inszenierungsformen, künstlerischer und thematischer Leichtfertigkeit sagt sie entschieden den Kampf an. Neben zwei hochkarätigen Lesungen von Schillers „Maria Stuart“ mit Hanna Schygulla und Sibylle Canonica gibt es vom 15. bis zum 18. September ein Konzert des MDR mit der Sopranistin Romelia Lichtenstein und ein Literarisch-Philosophisches Gespräch. Am späten Vormittag nach ihrer Ankunft traf sich Roland H. Dippel mit Edda Moser in den Kuanlagen Bad Lauchstädt. Es waren 100 intensive und spannende Minuten.

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RHD: Viele freuten sich auf Ihre in Paris für Juni 2016 angekündigte Rückkehr auf die Opernbühne. Doch dazu kam es dann doch nicht – warum?

Edda Moser:  Ich habe mich mit dem Komponisten Aribert Reimann verkracht. In seiner Oper „Lear“ sollte ich den Narr übernehmen. Darauf sagte Reimann: „Das macht ein Mann und nie wieder eine Frau.“ Ich vermute, dass Elisabeth Trissenaar als Schauspielerin nicht mit den Notenwerten umgehen konnte und ihn zutiefst enttäuschte.

RHD: Haben sich Ihre persönlichen Vorstellungen bis zum 10. Festspiel der deutschen Sprache 2016 verändert? Neben dem  Kampf gegen Anglizismen…

Edda Moser: Meine Wunschvorstellung hat sich im Lauf der Jahre vertieft, weil das Wesen eines Schauspielers ganz anders als das eines Opernsägers ist. Vertieft hat sich auch mein Wunsch nach der Mitwirkung jüngerer Schauspieler. Aber deren Diktion ist meist so miserabel, dass sie Texte von Schiller, Lessing, oder Kästner nicht bewältigen. Es ist die Aufgabe der Schauspielschulen, Sprache und Diktion zu lehren. Ich höre aber von vielen Seiten, dass darauf kaum noch Wert gelegt wird.

RHD: Was ist Ihr Beitrag zur Literaturvermittlung?

Edda Moser: Die Sehnsucht nach Literatur hat man oder sie muss geweckt werden, ganz einfach. Ich bin berufsbedingt ein großer Egoist und mache genau das, was ich als meine Aufgabe sehe. René Schmidt, der hier für das Goethe-Theater mit wenig Etat viel auf die Beine stellt, hat es ermöglicht, dass 400 Schüler in die Generalprobe von „Maria Stuart“ kommen werden. Wir müssen das Interesse der Jungen pflegen, das ist ein Teil unseres Festspiels.

RHD: Sie agieren immer zwischen Musiktheater und Schauspiel. Gibt es da einen ästhetischen Zwiespalt zu einer deutlichen deutschen Diktion bei internationalen Besetzungen?

Edda Moser: Ja, das sieht man an Frau Netrebko, die öffentlich erklärte, sie sei zu faul, Texte aus „Lohengrin“ zu lernen. Ich habe den Eindruck, dass in der Oper heute viel mehr Wert auf den gesprochenen Text gelegt wird. Früher konnte man streichen, was man wollte, wenn nur schön gesungen wurde. Soweit ich das mitbekomme, spielt man fast immer die weitgehend unnötig langen Dialoge in „Zauberflöte“ und „Freischütz“.

RHD: Ist Ihre Vision beim Festspiel eine absolute Sprache?

Edda Moser: Natürlich haben wir einen Regisseur, Albert Lang. Aber ich will das Vertrauen unseres Publikums bewahren, indem wir nur das Textoriginal ausführen. Das ist auch das Ziel bei „Maria Stuart“ mit Persönlichkeiten wie Hanna Schygulla und Sibylle Canonica.

RHD: Besteht bei der Gewichtung auf die Weimarer Klassik nicht die Gefahr einer Über-Idealisierung?

Edda Moser: Die übertriebene Verehrung von Goethe ist für mich ein Thema, weil er sich stellenweise so hanebüchen verhalten hat und seine unglückliche Frau Christiane bis zu ihrem Tod alleinließ. Ich schätze Sigrid Damm sehr, die das sehr eindrücklich dargestellt hat. Niemand kann mir anhängen, dass wir idealisieren. Wie lesen nur und was jeder Einzelne daraus für sich macht, ist seine Sache.

RHD: Sehen Sie Unterschiede der Kulturvermittlung zwischen Ihrem Lebensraum in NRW und Mitteldeutschland?

Edda Moser: Mein geistiges Erwachen begann in Weimar. Dort schickten mich meine Eltern auf eine Ballettschule, dass ich als asthmakrankes Kind zu atmen lerne. Das geschah dort mit einem wahnsinnigen Glücksgefühl. Ich wurde in der Schillerschule erzogen, ging an Goethes Gartenhaus vorbei… das sind unverlierbare Grundlagen meines Lebens und meiner Lektüren.

RHD: Wie reagieren Sie auf kulturelle Trends und Einbrüche?

Edda Moser: Oftmals ist regionaler Neid der Grund zu Wiederholungen und ähnlichen Veranstaltungsmustern. Deshalb bleibe ich ganz bewusst hier in Bad Lauchstädt, denn hier sind wir einmalig – das gilt für den Ort und den Anlass. Das klingt jetzt sicher wieder arrogant: Aber wir finden ein Rieseninteresse und haben volle Vorstellungen. Das bestätigt mich.

RHD: Woher kommt Ihr Publikum?

Edda Moser: Von überall, doch von hier in erster Linie.  Das ist eine idealistische Gesellschaft, die sich nicht durch Veränderungen irritieren lassen will und Achtung vor ihrer Kultur hat.

RHD: Und Sie haben hier auch einige nachhaltige Förderer gefunden –

Edda Moser: Mehr als  zwei Lesungen von „Maria Stuart“ können wir uns nicht leisten. Ohne den schnöden Mammon geht nichts. Über unseren Schirmherr Dr. Reiner Haseloff, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, möchte ich – ein hier gezielter Anglizismus – diesen „Slogan“ setzen: „Der Haseloff hilft!“.

RHD: Ihn haben Sie auch zum literarisch-philosophischen Gepräch gewinnen können.

Edda Moser: Ja, Herr Dr. Haseloff spricht mit beim Thema  „Vernunft und Sinnlichkeit“. Ich stellte den Kontakt zu den Podiumsgästen her und werde in einem Vortrag das Thema skizzieren. Ich verspreche mir auch viel von der Begegnung mit Dr. Asfa-Wossen Asserate, dem 225. Nachfahr der David-Linie und Autor des Romans „Manieren“, und dem Autor Wolf von Lojewski. Es moderiert Hartmut Kriege.

RHD: Wie steht das Gespräch in Beziehung zu den Lesungen?

Edda Moser: Ich suche nach Tiefe und versuche mich gegen Unehrlichkeit und Schwatzhaftigkeit zu wehren. Erst kontaktierte ich Peter Sloterdijk auf seinen Satz: „Transzendenz ist die Kunst des Vermutens.“. Danach erlebte ich eine pausenlose Enttäuschung – ich wäre froh, wenn Sie das so schreiben könnten. Nach vielen Vorschusslorbeeren veröffentlicht er einen pornographischen Roman. Das ist seiner nicht würdig. Ein Roman über den Orgasmus einer Frau, da kann ich mich nur übergeben.

RHD: Halten Sie Abstand zu Darstellungen sexueller Befindlichkeiten?

Edda Moser: Ja, das tue ich.

RHD: Liegt das an Ihrer Erfahrung mit Rolf Hochhuths „Neun Nonnen fliehen“ vor drei Jahren?

Edda Moser: Hören Sie bitte bloß mit Hochhuth auf, das war der Tiefpunkt unseres Festspiels. Er hat Luther mies, klein, unbedeutend und impotent dargestellt. Das habe ich ihm übelgenommen. Als ich ihm erklärt habe, wie ich mir das vorstelle, hat er meine Worte für ein Interview im MDR aufgegriffen. Das grenzt an Verschlagenheit, finde ich. Das Stück ist aber einfach ein Jammertal. Seither ist mir der Transfer zu Philosophie und Theologie noch wichtiger.

RHD: Wäre nicht der Luther-Diskurs ein spannendes Thema zu dem Aspekt zu hinterfragender Größe?

Edda Moser: 2017 sollen sich die Leute bei „Torquato Tasso“ von Luther erholen oder mit „Woyzeck“ trauern. Das Schlimmste ist, dass viele Hochhuths Stück gut fanden und deshalb eine Wiederholung vorschlugen. Aber bitte erst nach Ende meiner Festspielleitung. Das passt auf dieser niederen Stufe überhaupt nicht zu uns.

RHD: Wie gehen Sie als beherzte und streitbare Persönlichkeit mit Konflikten, Zerwürfnissen und Entfremdungen auf Ihrem Lebensweg um? Türen fallen zu, andererseits haben Sie ethisch und menschlich sehr hohe Ansprüche. 

Edda Moser: Eine gute Frage. Dass ich sehr gezielt und manchmal aggressiv reagiere, ist aus meiner Lebensleistung verständlich. Nur mit Können bin ich meinen Weg gegangen – ohne Beziehungen, ohne Verhältnisse zu irgendwelchen Intendanten. Im Grunde bin ich ein gutmütiger Mensch, aber auf Ungerechtigkeit und Lügen reagiere ich sehr scharf. Jetzt greift man mich gerne an, weil ich nicht mehr im Mittelpunkt der Gesellschaft stehe wie als Opernsängerin. Aber ich habe keine Zeit für Mittelmaß und das lässt mich arrogant erscheinen. Das traue ich mir zu, andere eben nicht.

RHD: Herzlichen Dank für Ihre offenen Worte und das umfangreiche Gespräch, Frau Prof. Moser. Viel Glück für das „10. Festspiel der deutschen Sprache“ in Bad Lauchstädt!

Foto: Roland H. Dippel Gedenkstein im Kurpark Bad Lauchstädt

 

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